Zuerst brannten die Bücher, dann die Menschen
«Sie werden unsere Bücher verbrennen und uns damit meinen», ahnte Joseph Roth bereits 1932. Die Vermutung des Schriftstellers wurde ein Jahr später bittere Wahrheit: Im Land der Dichter und Denker prasselten im Frühjahr 1933 Scheiterhaufen für Bücher missliebiger Autorinnen und Autoren. Ihren Höhepunkt erreichte die von der NS-Studentenschaft organisierte «Aktion wider den undeutschen Geist» am 10. Mai.
Für Margit Ketterle, die beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Interessengemeinschaft (IG) Meinungsfreiheit leitet, ist der Gedanke an die NS-Bücherverbrennungen «bestürzend». Die Sachbuch-Expertin beim Verlag Droemer Knaur beschreibt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) ihre Gefühle, wenn sie über die NS-Bücherverbrennungen vor 90 Jahren nachdenkt: «Das Feuer ist Vernichtung in einer Art und Weise, die Auslöschung bedeutet. Ich kann nicht umhin, den Holocaust zu assoziieren.»
Ketterle verweist auf die Worte von Heinrich Heine aus den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts, die im Zusammenhang mit den NS-Bücherverbrennungen oft zitiert werden: «Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.» «Dieses Zitat ist von grausamer, erschreckender Voraussicht», unterstreicht Ketterle. Zugleich macht sie deutlich: «Bücher können die Welt verändern, sonst würde man sie nicht verbrennen.» Sie finde es «erschreckend, wie gross die Angst der Mächtigen ist vor Gedanken- und Meinungsfreiheit».
Vernichtungsakt sollte Angst verbreiten
Am 10. Mai 1933 verbrannten die Nazis in zahlreichen deutschen Städten Bücher, die sie zuvor auf eine «schwarze Liste» gesetzt hatten. Tausende Menschen kamen, um sich die «Brandreden» anzuhören oder selbst Bücher in die Flammen zu werfen. Allein auf dem Berliner Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz, wurden unter dem Jubel von Zuschauern mehr als 20’000 Bände verbrannt. Darunter befanden sich sowohl Romane als auch wissenschaftliche Schriften, etwa von Sigmund Freud oder Albert Einstein.
Der 10. Mai war Auftakt einer vierwöchigen Kampagne mit enormen Ausmassen. Für das gesamte Frühjahr 1933 sind rund 160 Bücherverbrennungen dokumentiert. Insgesamt wurden Werke von mindestens 94 deutschsprachigen und 37 fremdsprachigen Autoren vernichtet. Viele von ihnen gerieten daraufhin in Vergessenheit.
Eine wichtige Rolle bei der Bücherverbrennung spielten Studenten, allen voran die regimetreue «Deutsche Studentenschaft». Akribisch bereiteten sie die Aktion mit Rundschreiben vor. An den Universitäten hingen Plakate mit Forderungen, den «undeutschen Geist» aus öffentlichen Büchereien «auszumerzen». Anfang Mai fuhren schliesslich Studentengruppen mit Lastwagen von Leihbücherei zu Leihbücherei, um Bücher und Schriften einzusammeln, die auf der «schwarzen Liste» standen. (epd)
Die Germanistin und Bibliothekarin Andrea Voss kümmert sich in der Universitätsbibliothek Augsburg um die «Bibliothek der verbrannten Bücher – Sammlung Georg Salzmann», eine über Jahrzehnte hinweg vom Namensgeber zusammengetragene Sammlung der von den Nazis verfemten Literatur. Seit Erfindung des Buchdrucks haben Bücherverbrennungen nach Voss' Worten «eine grosse symbolische Wirkung». Sie spricht von einem «Spektakel des Feuers», einem «einschüchternden, demonstrativen Vernichtungsakt», der Angst und Schrecken verbreiten solle. Viele Literaten verliessen denn auch Deutschland und gingen ins Exil.
Die NS-Machthaber begannen gleich in den ersten Wochen ihrer Herrschaft, Listen zu verbrennender Bücher und ihrer Autorinnen zu erstellen. Es waren vor allem Werke jüdischer, linksgerichteter und pazifistischer Autoren. Joseph Roth fand sich ebenso auf der Liste wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Irmgard Keun, Karl Marx, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig, Anna Seghers, Alfred Kerr, Erich Maria Remarque, Egon Erwin Kisch oder Franz Werfel.
Auch Bücher von Erich Kästner gingen in Flammen auf – in seinem Beisein, denn er gilt als einziger von den Nazis verunglimpfter Autor, der die Verbrennung seiner Bücher selbst beobachtet hat. Für Jan Schenck war der Kinderbuchautor der Grund, sich näher mit den NS-Bücherverbrennungen zu befassen. Der Macher des Erinnerungsprojektes «Verbrannte Orte» sagte dem epd, er sei ein Buchliebhaber und «schon immer ein politischer Mensch» gewesen. Schenck hat «Verbrannte Orte» zum 80. Jahrestag der NS-Bücherverbrennungen massgeblich angestossen und arbeitet seitdem mit einem Netzwerk von Ehrenamtlichen an der Dokumentation von NS-Bücherverbrennungen.
«Die Erinnerung muss kontinuierlich sein»
Entstanden ist auf diese Weise vor allem eine Webseite mit einem interaktiven Online-Atlas. Darin ist vermerkt, wo es überall Bücherverbrennungen gegeben hat und ob diese zur «Aktion wider den undeutschen Geist» oder zu anderen Aktionen gehörten. Dem Erinnerungsprojekt des gelernten Fotografen geht es aber auch um Sichtbarkeit der Orte von Bücherverbrennungen im Alltag: Wie sehen die Orte heute aus und welchem Zweck dienen sie? Gibt es sichtbare Zeichen der Erinnerung?
«Ich glaube, eigentlich darf man sich in so einer Erinnerung nicht auf die Jahrestage konzentrieren, sondern müsste tatsächlich eine kontinuierliche Erinnerung schaffen», sagt Schenck. Gleichwohl nutze sein Netzwerk «die Aufmerksamkeit der 90. Jahrestage», um noch stärker als bislang öffentlich in Erscheinung zu treten.
Allein für das Jahr 1933 kann «Verbrannte Orte» 160 Verbrennungsaktionen nachweisen. 70 davon hat das Netzwerk in dem Jahrzehnt seines Bestehens in Archiven entdeckt. «Es gibt immer noch eine hohe Dunkelziffer an Taten, abgesehen von den bekannten studentischen Verbrennungen», sagt Schenck. (epd)