Zeitzeuge

Mörderische Explosionen

19. Dezember 1947, kurz vor Mitternacht: Lichtblitze, Stichflammen und Knalle zerschneiden in Mitholz (BE) die Luft. 3000 Tonnen im Fels eingelagerte Munition sind explodiert. Neun Menschen sterben.
An Heiligabend 1947 schreitet ein Trauerzug zur refomierten Kirche Kandergrund. Dort findet die Abdankung eines Opfers der Explosionskatastrophe in Mitholz statt. (Bild: Walter Studer/Keystone)

Mitholz ist ein verschlafenes Berner Oberländer Dorf, bekannt für den malerischen, in einem kleinen Naturpark gelegenen Blausee. Das Kandertal ist an dieser Stelle eng, links und rechts ragen hohe Felswände empor.

Hier ereignet sich im Jahr 1947 eine fürchterliche Katastrophe. Es ist beinahe Mitternacht, sechs Tage sind es noch bis Weihnachten, im Dorf auf 1000 Metern über Meer liegt Schnee. Plötzlich wird der Himmel von 30 Meter hohen Lichtblitzen durchtrennt, 150 Meter hohe Stichflammen schiessen aus den Felsen. Es knallt so heftig, dass es der 115 Kilometer entfernte Erdbebendienst in Zürich registriert. Die Felswand, aus der die Explosionen kommen, stürzt ein, tonnenschwere Felsbrocken werden Hunderte von Metern weit geschleudert.

Im Fels vor Mitholz lagerten bis zu diesem Zeitpunkt 7000 Tonnen Munition. Die Schweizer Armee hatte sie während des Zweiten Weltkriegs hier deponiert. Wohl durch eine chemische Reaktion hat sich ein Sprengkörper selbst entzündet, ist es zu einer Kettenreaktion gekommen, worauf knapp die Hälfte der eingelagerten Munition explodiert ist.

Wer kann, der flieht. Bewohner werfen sich einen Mantel über ihr Pyjama und flüchten in einen Eisenbahntunnel. Nicht alle schaffen es. Der Bahnhofvorstand und sein Sohn sterben, weil ein abgesprengtes Panzertor das Stationsgebäude der Lötschbergbahn trifft. Die Frau wird später schwerverletzt aus den Trümmern geborgen. Eine Fliegerbombe trifft ein zwei Kilometer entfernt gelegenes Haus, eine Frau und drei Kinder sterben. Weitere vier Personen überleben die Flucht nicht, weil sie von Splittern und Trümmern getroffen werden. Insgesamt neun Tote und sieben Schwerverletzte fordert das Unglück. Am Ende gleicht das Dorf einem Kriegsschauplatz, rund 40 Häuser sind komplett zerstört.

Serie: «Zeitzeuge»
In historischen Bildern greift die Redaktion Momente der Zeitgeschichte auf, die in der reformierten Landschaft Relevanz haben. Die Texte in der Rubrik «Zeitzeuge» erscheinen in loser Folge. Dieser Beitrag bildet den Abschluss der Serie. (red)

Einige Tage später zieht ein Trauerzug hinauf zur reformierten Kirche Kandergrund. Es ist Heiligabend. Im benachbarten Mitholz sind noch immer vereinzelt Explosionen zu vernehmen. An diesem Vormittag verabschiedet sich die Gemeinde von einer Frau, die auf der Flucht von Splittern tödlich getroffen wurde. Ein Oberstdivisionär der Schweizer Armee sitzt in der Kirche, nicht aber der Ehemann der getöteten Frau: Der liegt verletzt im Spital in Frutigen.

Und die Munition? Einen Teil der Sprengkörper versenkt die Armee einige Jahre später im Thunersee. Der Rest lagert noch heute im Berg. Damit sich das Drama von Mitholz nicht wiederholt, soll das Lager ab 2025 geräumt werden.

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