Die Würde des letzten Atemzugs

Die Thurgauer Landeskirche hat ein Buch zum assistierten Suizid herausgegeben. Es ist eine Einladung, sich aus christlicher Perspektive mit dem kontroversen Thema zu befassen. Und ein Bekenntnis, dass das Leben seinen Wert bei aller Verletzlichkeit bis zum Ende behält.

Die Begriffe Autonomie und Würde dominieren zurzeit die Debatte um Sterbehilfe und assistierten Suizid: Autonomie verstanden als das Recht, dem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen, und Würde als Garant eines von Schmerzen und körperlicher Abhängigkeit befreiten Sterbens. Meist sind die beiden Begriffe eng miteinander verknüpft. So gilt nach Ansicht vieler das Leiden am Lebensende als würdelos – und dieses zu vermeiden als ein Akt der Autonomie. Von dieser Auffassung profitieren Organisationen wie Exit und Dignitas, die regen Zulauf haben und bereits erwägen, nicht nur todkranken, sondern auch schwer depressiven oder lebenssatten alten Menschen ihre Dienste anzubieten.

Dass diese Entwicklung kirchlichen Kreisen Sorge bereitet, ist naheliegend, dass Kirchenverantwortliche dazu Stellung nehmen, wünschenswert. Die Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau hat sich nun dieser Herausforderung gestellt. Ausgehend von einer Tagung zum Thema hat sie ein Buch vorgelegt, in dem Fachpersonen aus den Bereichen Theologie, Medizin, Rechtswissenschaft und Gerontologie sowie Angehörige zu Wort kommen. Den Weg zu Ende gehen heisst die klug konzipierte und
schön gestaltete Schrift.

Das Leben als Geschenk

Die von der Kirche initiierte und im Eigenverlag herausgebrachte Publikation ist mehr als nur eine Auslegeordnung gängiger Argumente und Meinungen zum Thema Sterbehilfe. Sie ist ein Bekenntnis und eine klare Aufforderung, sich aus christlicher Perspektive mit der Problematik auseinanderzusetzen. Den Auftakt bildet denn auch die Stellungnahme von Kirchenrat und Dekanat, die, an Bonhoeffer anknüpfend, mit den Worten schliesst: «Als glaubende Menschen wollen wir gemeinsam darüber nach- und weiterdenken, was es für den vorliegenden Zusammenhang bedeutet, ‹dass es über den Menschen einen Gott gibt›.»

Als glaubende Menschen argumentieren mehr oder weniger explizit auch die Autorinnen des Bandes. Unabhängig von ihrer beruflichen Ausrichtung sind sie sich einig, dass das Leben ein Geschenk ist, dass es auch im Zustand hochgradiger Verletzlichkeit seinen Wert und seine Würde behält und dass sich Selbstbestimmung nicht nur im assistierten Suizid manifestieren kann, sondern auch im Entschluss, ohne Sterbehilfe bis zum letzten Atemzug zu leben. «Menschenwürde und Selbstbestimmung können und dürfen nicht gleichgesetzt werden», so das Credo des Bandes, wie es einer der Mitautoren formuliert.

Alle Beiträge räumen der palliativen Betreuung und der Seelsorge einen hohen Stellenwert ein. Denn nur bei entsprechender Pflege dürfen Sterbende darauf vertrauen, dass ihr Leiden gelindert wird. Und nur eingebettet in ein Netz tragfähiger Beziehungen können sie ihren Weg trotz hochgradiger Verletzlichkeit und Abhängigkeit würdevoll zu Ende gehen.

Auch humanistische Argumente denkbar

Wer diese Überzeugungen teilt, findet in dem schmalen Band wertvolle Hinweise für eine menschenwürdige Gestaltung des Sterbeprozesses und darüber hinaus eine ganze Reihe nützlicher Argumente, die helfen, sich im Widerstreit der Meinungen zu behaupten. Wer sich allerdings nicht unbedingt als glaubender Mensch versteht, dürfte sich an der einen oder anderen Stelle des Buches fragen, ob sich die Würde des leidenden Menschen nicht auch humanistisch begründen lässt und es nicht noch andere als religiöse Gründe gibt, die gegen den assistierten Suizid ins Feld geführt werden können.

Zwar halten die offizielle Stellungnahme der Kirche wie auch die einzelnen Beiträge ausdrücklich fest, dass man sich vor apodiktischen Urteilen hüten solle und niemandem, der Sterbehilfe für sich in Anspruch nimmt, a priori den Glauben absprechen dürfe. Gleichwohl wird immer wieder auf den Glauben verwiesen, wenn es darum geht, all jene zu widerlegen, die nur ein sogenannt selbstbestimmtes Sterben als würdevolles Sterben gelten lassen wollen.

Dass die letzte Phase des Lebens auch ganz anders gestaltet werden kann, machen die kurzen Testimonials deutlich, in denen Angehörige von ihren ganz persönlichen Erfahrungen berichten. «Der Sterbende lehrt uns das Loslassen», heisst es da einmal. Diese Erfahrung fehlt, wo dem Leben ein vorzeitiges Ende gesetzt wird.

Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau (Hg.): Den Weg zu Ende gehen. In der Begegnung mit dem Sterben Lebendigkeit erfahren. Fachbeiträge und Testimonials zu Fragen der Selbstbestimmung am Lebensende. Frauenfeld 2019; 116 Seiten; 18 Franken.

Die Rezensentin Klara Obermüller ist freie Publizistin, Moderatorin und Referentin.

Dieser Beitrag erschien erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.