Filmfestival Locarno

Wenn jugendliche Ideale ausgenutzt werden

«Akiplėša (Toxic)» gewinnt am Filmfestival Locarno den Preis der Ökumenischen Jury. Das Drama erzählt von litauischen Mädchen, die Model werden möchten.

Das Versprechen auf ein besseres Leben drängt die Mädchen einer Modelschule dazu, ihren Körper auf immer extremere Weise zu verletzen. (Bild: Filmfestival Locarno)

Der mit 10'000 Franken dotierte Preis der Ökumenischen Jury am Filmfestival Locarno geht dieses Jahr an die litauische Filmemacherin Saulė Bliuvaitė. Sie gewinnt auch den Hauptpreis des Festivals, den Goldenen Leoparden. Im Zentrum ihres Dramas «Akiplėša (Toxic)» steht die 13-jährige Maria, die von ihrer Mutter verlassen wird und in eine trostlose Industriestadt zieht, um bei ihrer Grossmutter zu leben. 

Eines Tages lernt Maria Kristina kennen, die Model werden möchte. Die beiden Teenager kommen sich näher. Sie melden sich in einer Modelschule an, wo sie sich auf ein regionales Casting vorbereiten und sie das Versprechen auf ein besseres Leben dazu drängt, ihren Körper auf immer extremere Weise zu verletzen.

«Der Film zeigt den Kontrast zwischen jugendlichen Träumen voller Hoffnung und Aufregung und einer realen Welt, die diese jugendlichen Ideale zu ihrem Vorteil ausnutzt», schreibt die Ökumenische Jury zu ihrem Entscheid. Mit ihrem Beitrag werfe Saulė Bliuvaitė wichtige Fragen auf: Wie wählt man den richtigen Weg? Wie unterscheidet man in menschlichen Beziehungen zwischen Wahrheit und Lüge? Wie kann man Manipulation und Missbrauch ablehnen – vor allem wenn man noch wenig Lebenserfahrung hat? Und: Was bietet die heutige Gesellschaft jungen Menschen?

Die Jury lobt zudem die Arbeit der kurdisch-österreichischen Regisseurin und Drehbuchautorin Kurdwin Ayub. In «Mond» erzählt sie von der ehemaligen Kampfkünstlerin Sarah, die Österreich verlässt, um drei Schwestern aus einer wohlhabenden jordanischen Familie zu trainieren. Was zunächst als Traumjob klingt, wird bald beunruhigend: Die jungen Frauen sind von der Aussenwelt abgeschnitten und werden ständig überwacht. 

«Der Film zeigt sowohl die gesellschaftlichen Unterschiede als auch die Gemeinsamkeiten zwischen der jungen europäischen Trainerin und ihren neuen Schülerinnen», schreibt die Jury. «Das Gefühl, gefangen zu sein, gibt es im Osten wie im Westen – und auch die Notwendigkeit, um für Freiheit zu kämpfen.»

Der Preis der Ökumenischen Jury wird seit 1973 verliehen. Er geht in erster Linie an Filmschaffende, denen es gelingt, ihr Publikum für religiöse, menschliche oder soziale Werte zu sensibilisieren. (hz)