Filmfestival Locarno

Der schmale Grat zwischen Freiheit und Abhängigkeit

Die Ökumenische Jury hat in Locarno den Film «Patagonia» ausgezeichnet. Das Werk von Simone Bozzelli handelt von der widersprüchlichen Beziehung eines jungen Mannes und eines Clowns.

Die Beziehung zwischen Yuri und Agostino führt beide auf eine gefährliche Reise zu sich selbst. (Bild: Claudia Sicuranza / Filmfestival Locarno)

Yuri lebt in einem kleinen, verschlafenen Dorf in Apulien und führt ein einfaches Leben. Als eines Tages Agostino, Clown und Kinderentertainer, dort auftaucht, entscheidet Yuri, ihm zu folgen. Zwischen den beiden – Yuri ist kindlich und unsicher, Agostino tritt dominant und manipulativ auf – entsteht eine widersprüchliche Beziehung.

Mit seinem ersten Langzeitspielfilm «Patagonia» ist es dem italienischen Regisseur Simone Bozzelli gelungen, die Ökumenische Jury von sich zu überzeugen. Sie verleiht ihm ihren Filmpreis, der mit 10'000 Franken dotiert ist. «Patagonia» werfe die Frage nach der Grenze zwischen Freiheit und Abhängigkeit, zwischen Liebe und Unterwerfung auf, schreibt die Jury in ihrer Medienmitteilung. «Der Film entlässt die Zuschauerinnen in einen mehrdeutigen Raum, in dem Verwandlung und Hoffnung möglich sind.»

Zudem spricht die Jury ein Lob für den Film «Nu aștepta prea mult de la sfârșitul lumii» («Don’t Expect Too Much From the End of the World – The Living and The Dead») des rumänischen Regisseurs Radu Jude aus. In diesem geht es um die Castingassistentin Angela, die zu miserablen Arbeitsbedingungen nach Angestellten sucht, die am Arbeitsplatz verunfallt sind. Diese sollen in einem Video für einen österreichischen Versicherungskonzern auftreten. Dazwischen werden Sequenzen eines alten rumänischen Spielfilms eingeblendet, bei dem es um die prekären Arbeitsbedingungen einer Taxifahrerin geht.

«Der Film besticht durch konzise Kapitalismuskritik und seinen selbstreflexiven Modus», schreibt die Ökumenische Jury. Die Protagonistinnen würden trotz der repressiven Arbeitsbedingungen ihre kulturelle Souveränität wahren.

Die Ökumenische Jury entstand vor 50 Jahren am Filmfestival Locarno. Sie setzt sich aus Vertretern verschiedener Konfessionen zusammen und zeichnet Filme aus, die das Publikum für spirituelle, ethische und soziale Werte sensibilisieren. (pef)