Wenn der Wirtschaftsprofi die Kirche durchleuchtet

Reformierte Kirchgemeinden und Landeskirchen müssen immer professioneller werden. Deshalb engagieren sie Wirtschaftsprofis als externe Berater, die sie unternehmerisch auf Kurs bringen sollen. Wie eine solche Beratung aussieht, zeigt das Beispiel der reformierten Kirche des Kantons Nidwalden. 

Viele Kirchgemeinden holen sich bei Wirtschaftsprofis Unterstützung. So auch bei der Hochschule Luzern. (Bild: HSLU)

So kann es nicht weitergehen. Das dachte sich der Kirchenrat der Evangelisch-Reformierten Kirche Nidwalden. Zwischen der Kirchenpflege, dem Kirchenrat und dem Pfarrkonvent sei es immer wieder zu Unklarheiten und Unstimmigkeiten gekommen. Das führte zu Reibungsverlusten und verzögerte Entscheide stark. «Unsere Kirche ist typisch reformatorisch strukturiert. Alle reden bei allem mit», sagt Kirchenratspräsident Wolfgang Gaede.

Bereits vor fünf Jahren habe man deshalb eine Veränderung der Strukturen vornehmen wollen. Dies sei damals aber gescheitert. «Wie heisst es so schön, der Prophet im eigenen Haus gilt nichts», sagt Gaede. «Sobald wir vom Kirchenrat etwas ändern wollten, spürten wir eine ablehnende Haltung.» Nun versuche man einen anderen Weg zu gehen: mit einem externen Profi als Berater.

Kostendruck ist gestiegen

So wie in Nidwalden stehen viele reformierte Kirchgemeinden vor strukturellen Herausforderungen. Viele Gemeinden stehen unter Kostendruck und müssen effizienter arbeiten.

Deshalb kann sich Albert Schnyder, Dozent am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie an der Hochschule Luzern, über mangelnde Nachfrage nicht beklagen. Der 62-Jährige ist darauf spezialisiert, kirchliche Organisationen zu durchleuchten und zu beraten. Organisationsentwicklung nennt Schnyder das. Seit einiger Zeit ist er auch in der reformierten Kirche in Nidwalden tätig.

Dass ausgerechnet Schnyder immer wieder von reformierten oder katholischen Kirchen angefragt wird, hat mit seinem beruflichen Werdegang zu tun. Schnyder arbeitete 19 Jahre bei der Caritas Schweiz, zwölf Jahre davon in der Geschäftsleitung als Leiter Personal und als Leiter Internationale Zusammenarbeit. «Man nimmt offenbar an, dass jemand, der bei der Caritas arbeitete, weniger Berührungsängste mit kirchlichen Institutionen hat als vielleicht andere Berater», sagt Schnyder.

Höhere Ansprüche des Personals

Die Herausforderungen und Probleme in Nidwalden sind für Schnyder exemplarisch für Kirchgemeinden. «Sie kämpfen mit Mitgliederschwund, dem Rückgang der Finanzen, der Säkularisierung der Gesellschaft. Viele merken, dass sie nicht einfach weiter machen können wie bisher. Sie müssen ihr Kerngeschäft überdenken und bei Strukturen und Verwaltung effizienter und professioneller werden.»

Das fange schon bei der Suche nach geeignetem Personal an. Wer qualifiziertes Personal sucht, müsse auf dessen gestiegene Ansprüche eingehen können. «Sie wollen einen ordentlichen Vertrag, ein Einführungsprogramm, ein Mitarbeitergespräch», sagt Schnyder. Gerade in kleineren Kirchgemeinden habe das Ressort Finanzen oder Personal vielleicht der Franz neben seiner Arbeit auf dem Bauernhof oder im Ingenieurbüro geführt. Sowas funktioniere heutzutage nicht mehr einfach so.

Auch seien die Kompetenzverteilungen zwischen Kirchgemeinde und Kantonalkirche oft nicht klar. Die Kirchgemeinde wähle beispielsweise den Pfarrer, die Kantonalkirche ist jedoch nur mit einer Empfehlung involviert. Gibt es dann aber Probleme mit einer Pfarrperson, soll sich die Kantonalkirche darum kümmern. «Das findet die Kantonalkirche natürlich nicht gut. Die hätte bereits bei der Einstellung mitreden wollen.»

Keine Entscheidungen über die Köpfe hinweg

Wenn Schnyder von Gemeinden angefragt wird, stünde ihnen das Wasser bisweilen schon bis zum Hals. Beispielsweise dann, wenn eine Kirchgemeinde auch nach langem Suchen nicht mehr genügend Ehrenamtliche findet, die schon nur die zentralen Aufgaben wie Finanzen, Personelles wahrnehmen. «Zumindest ist dann eine gewisse Einsicht vorhanden, dass es eine externe Sicht braucht. Das erleichtert die Arbeit», sagt Schnyder.

Zuerst mache sich sich Schnyder immer ein Bild von der Situation, indem er mit möglichst vielen Leuten aus der Kirchgemeinde spricht. «Sie müssen die Gewissheit haben, dass sie bei der Lösung miteinbezogen werden. Sonst haben sie das Gefühl, dass Entscheidungen über ihren Kopf hinweg gemacht werden.»

Schnyder hört sich die Probleme an, ohne dabei zu tief in sie abzutauchen. Sonst arbeite man problem- und nicht lösungsorientiert, sagt er. Von der Aufnahme der Probleme bis hin zur fertigen Lösung kann der Prozess zwischen einem bis zwei Jahren dauern und zwischen 20’000 und 40’000 Franken kosten. «Je nachdem wie die Gemeinde aufgestellt ist und wie sehr eine Mehrheit wirklich etwas verändern will», sagt Schnyder.

Reformatorischer Gedanke überdenken

In Nidwalden steckt man mitten in diesem Prozess. Bereiche wie etwa das Personalmanagement können nicht weitergeführt werden wie bisher. «Früher hat man einen einfachen Vertrag gemacht und verwies auf das Obligationenrecht. Das funktioniert heutzutage nicht mehr», sagt Kirchenratspräsident Wolfgang Gaede. Es brauche Regelungen betreffend der Pensionskasse und den Ferien in den Arbeitsverträgen. Das erfordere ein professionelles Personalmanagement.

Auch bei den Finanzen seien die Regeln strenger geworden. Die Rechnung müsse nach dem Rechnungslegungsmodell für Gemeinden und Kantone aufbereitet werden. «Unsere Rechnung macht die Gemeinde Buochs. Da sind Profis am Werk. Dementsprechend sauber müssen wir unsere Zahlen liefern. Alles andere würden sie gar nicht akzeptieren», sagt Gaede.

Mit Hilfe von Albert Schnyder wolle man nun die Organisationsstruktur vereinfachen, damit Entscheide schneller gefällt werden können, sagt Gaede. Dass damit der reformatorische Gedanken des «Alle leiten die Kirche» getroffen wird, müsse man ausdiskutieren. «Wir werden sicher einen Mittelweg finden. Auch dafür ist ja Herr Schnyder da.»