Kaum Platz für Seemannsromantik
Auch heute noch sind die Meere global der mit Abstand wichtigste Transportweg. Rund 90 Prozent des gesamten Welthandels wird über die Ozeane verschickt. Mehr als sieben Milliarden Tonnen Güter jährlich finden auf den Handelsschiffen den Weg an ihren Bestimmungsort.
Die eindrücklichen Zahlen lassen leicht vergessen, dass hinter dieser Arbeit Menschen stecken. Insgesamt 1,7 Millionen Seeleute sorgen täglich dafür, dass die Regale in unseren Geschäften mit Kaffee, Kleidung oder Smartphones gefüllt sind.
Unter welchen Bedingungen die Männer und Frauen an Bord der Frachtschiffe ihre Arbeit verrichten, ist nun in einer Ausstellung der Deutschen Seemannsmission im Kirchgemeindehaus Oberwinterthur zu sehen. Sie zeigt insgesamt 37 Fotografien und Texte von Seeleuten, die auf Handelsschiffen in internationaler Seefahrt arbeiten.
Die Bilder dokumentieren den harten Alltag an Bord, die Arbeit an Deck, im Maschinenraum oder in der Kombüse. «Du magst denken, ihre Arbeit ist ganz einfach, aber hinter diesen Bildern steckt ein Mann, der Heimweh hat; ein Mann, der müde ist, aber keinen freien Tag bekommt; ein Mann, der es trotz weniger Stunden Schlaf schafft, aufzustehen und sich für die Zukunft aufzureiben», lautet etwa der Text unter einem Bild, das den philippinischen Hilfsarbeiter Buama im Maschinenraum zeigt.
Mit der Ausstellung will die Deutsche Seemannsmission unter anderem auf die prekären Arbeitsbedigungen vieler Seeleute hinweisen. 24-Stunden-Schichtbetrieb, monatelange Abwesenheit von der Familie und das Zusammenleben auf engstem Raum prägen den Alltag. Dazu kommen die harte körperliche Arbeit, schlechte Bezahlung und Gefahren wie Unfälle oder Piraterie.
Auf die teilweise miserablen Arbeitsbedingungen in der Schifffahrt machte zuletzt auch die Gewerkschaft ver.di aufmerksam. «Das Unterschlagen von Heuern (Gehältern), das Ignorieren von Höchstarbeits- und Mindestruhezeiten, unzureichende Verpflegung sowie unwürdige und unsichere Arbeitsbedingungen sind keine Einzelfälle, sondern alarmierend häufig», kritisierte die Gewerkschaft.
Die Ausstellung «Leben auf See» der Deutschen Seemannsmission ist vom 26. September bis zum
21. November 2024 im reformierten Kirchgemeindehaus Oberwinterthur (ZH) zu sehen. Entstanden sind die Fotografien im Rahmen eines Wettbewerbs, den die Wohltätigkeitsstiftung für Seeleute der Internationalen Transportarbeiter Föderation (ITF) ins Leben gerufen hat. Insgesamt wurden von Seeleuten weltweit mehr als 1000 Fotografien eingesandt, von denen die Jury eine Auswahl von 37 Bildern traf.
Die Deutsche Seemannsmission wurde 1886 gegründet und steht in 33 Häfen auf der ganzen Welt für Seeleute im Einsatz. Sie ist Teil der Christian Maritime Association (ICMA), des ökumenischen Netzwerks der verschiedenen Seemannsmissionen. (no)
Einer, der die Sorgen der Seeleute kennt, ist Walter Schär. Der reformierte Seelsorger betreute viele Jahre lang die Schiffer, die in den Schweizerischen Rheinhäfen anlegten. Als mitfahrender Pastor der Deutschen Seemannsmission war Schär zudem eineinhalb Jahre auf den Weltmeeren unterwegs. Abends seien die Matrosen im Mannschaftsraum zusammengekommen, erinnert sich Schär «Ich machte den Barkeeper und sang Karaoke mit ihnen».
So ergaben sich auch seelsorgerliche Einzelgespräche. «Oft ging es um Einsamkeit und die Trennung von der Familie. Manchmal fühlten sich Matrosen in der Mannschaft isoliert, weil sie einer anderen Nation oder Ethnie angehörten. Es tat ihnen gut, wenn sie mit jemandem darüber sprechen konnten», sagt Schär.
Der Basler Seelsorger packte an Bord selbst mit an und lernte die Seeleute während ihrer Arbeit und in der Freizeit kennen. Sonntags wurde zusammen Gottesdienst gefeiert. Eine Schiffsbesatzung sei eine Männerzwangsgemeinschaft, sagt Schär. «Wenn das Miteinander klappt, ist alles gut. Aber sobald es Konflikte in der Mannschaft gibt, kann es für alle sehr schwierig werden.»
Trotz aller Härte des Seemannslebens: Die Fotografien zeugen auch von den schönen Seiten des Berufs. Eindrückliche Naturschauspiele, Freizeitunterhaltung an Bord und immer wieder die Kameradschaft werden thematisiert. Ein Bild zeigt, wie Manschaftsmitglieder nach der Müllentsorgung an Land lachend an Bord zurückkehren. «Stinkend und dreckig – aber immer noch glücklich. Heigh-ho, heigh-ho, zurück zum Schiff gehen wir», lautet die Bildunterschrift. Manchmal gibt es sie also doch, die Seemannsromantik.