«Die Retter sind in einem permanenten Ausnahmezustand»
Herr Kulikowski, im ersten Halbjahr starben mindestens 1900 Menschen auf der Fluchtroute im zentralen Mittelmeer. So viel waren es noch nie. Woran liegt das?
Es gibt mehrere Gründe. Das Wetter war dieses Frühjahr viel besser als im letzten Jahr. Die Menschen denken, sie hätten bei gutem Wetter bessere Überlebenschancen. Ein anderer Grund ist der Bootstyp, mit dem die Flüchtlinge aktuell häufig unterwegs sind. Aus Libyen kamen die Flüchtenden meist in überfüllten Schlauchbooten. Aber von Tunesien aus fahren sie vermehrt mit billigen Metallbooten, die nur einfach verschweisst sind. Brechen sie auseinander, ist es vorbei: Die Bootsteile gehen sofort unter. Bei Holz- und Schlauchbooten können sich Menschen zumindest theoretisch noch einen Moment lang festhalten.
Wie geht es den Rettern während eines Einsatzes?
Ihre Belastung ist gross. Die Retterinnen sind permanent in einem Ausnahmezustand. Sie sind körperlich nah dran am Elend der Flüchtenden. Sie sehen, wie Menschen ertrinken. Als ich auf der «Sea-Watch 4» im Einsatz war, hatten wir 450 Menschen an Bord. Das war eng, man hatte keinen Raum für eine Pause. Wir achten sehr genau auf den Zustand der Crew. Unsere Leute werden vor und nach dem Einsatz psychologisch betreut. Es gibt Zwangspausen, denn man kann nicht Monate am Stück im Einsatz sein. Das würde zu einem Burn-Out führen.
Die italienische Regierung hat ein Dekret erlassen, Seenotretter kritisieren es (ref.ch berichtete). Worum geht es?
Ein zentraler Punkt des neuen Dekrets ist, dass zivile Rettungsschiffe nach einer ersten Rettung direkt einen sicheren Hafen anlaufen müssen. Das widerspricht internationalem Recht, weil Kapitäne Menschen in Seenot retten müssen – auch wenn sie zuvor schon jemanden gerettet haben.
Was tun sie, wenn ein Boot Hilfe benötigt?
Sie retten die Menschen trotzdem. Das ist schon öfter vorgekommen, stellt uns aber vor ein Problem. Die Crews wurden deshalb festgesetzt und bekamen eine Geldstrafe. Das Dekret sieht beim ersten Mal Strafen bis 10’000 Euro vor und 20 Tage Festsetzung. Beim zweiten Mal sind es bis zu 50'000 Euro und zwei Monate Festsetzung. Beim dritten Vorfall wird das Schiff konfisziert.
Oliver Kulikowski ist Sprecher von Sea-Watch und leitet das Medienteam im Berliner Büro der Organisation. (Bild: Fabian Melber/ Sea-Watch.org)
Es hat auch Konsequenzen, wenn Seenotretter die falschen Häfen anlaufen.
Ja, dieselben Strafen. Seit letztem Jahr weisen die italienischen Behörden den Schiffen häufig Häfen zu, die weit im Norden sind. Bis zu 900 nautische Meilen oder fast 1700 Kilometer vom Einsatzort entfernt. Die weite Fahrt ist für die Geretteten sehr schwierig: Sie sind erschöpft und traumatisiert.
Wie lange braucht ein Schiff für 900 Seemeilen?
Vier Tage. Danach muss es vier Tage zurückfahren. Das Schiff kann acht Tage lang nicht retten. Kürzlich sollte eines unserer Schiffe mit Geretteten Sizilien anlaufen. Doch das Wetter war zu schlecht für diese weite Fahrt. Die Crew steuerte in den nahen Hafen von Lampedusa. Die Behörden setzten das Schiff zwanzig Tage fest und wir bekamen eine Geldstrafe. Beim nächsten Einsatz fuhren wir wie verlangt nach Sizilien – trotz schlechten Wetters. Es war beschwerlich und dauerte fünfmal so lange, aber wir mussten es tun. Sonst ist das Schiff bald weg.
Wie gehen die Kapitäne damit um?
Allen ist klar, worauf sie sich einlassen. Wir klären die Kapitäninnen juristisch auf und begleiten sie rechtlich. Es wurden Retter angeklagt, aber bislang wurde noch niemand verurteilt. Die Verfahren sind aus unserer Sicht Teil der Strategie: Man bindet Ressourcen der Helferinnen durch Repression und Kriminalisierung.
Was bringt aus Ihrer Sicht die Absichtsvereinbarung der EU mit Tunesien vom Juli?
Der Migrationsdeal? Wohin so ein Abkommen führt, sehen wir in Libyen. Die EU half, Libyens Küstenwache zu stärken. Doch die rettet keine Menschen, sondern fängt sie ab. Zehntausende werden zurück in Lager gebracht, aus denen sie wieder fliehen. Es ist ein Teufelskreis.
Die EU hat ein Migrationsabkommen mit Tunesien geschlossen. Der wichtigste Punkt darin ist, dass die EU 105 Millionen Euro bereitstellt, damit die tunesische Regierung gegen die illegale Migration und Schleuserbanden vorgeht. Weitere Bestandteile des Abkommens sind 900 Millionen Euro an Wirtschaftshilfen und eine Aufnahme Tunesiens in das Studierenden-Austauschprogram «Erasmus».
Welche Perspektiven hat Sea-Watch angesichts der politischen Lage?
Wir geben nicht auf, solange im Mittelmeer Flüchtende ertrinken. Seit unserer Gründung 2015 waren wir an der Rettung von über 45'000 Menschen beteiligt. Das treibt uns an. Es muss sich politisch etwas verändern: Im Europaparlament wurde kürzlich über eine staatlich organisierte Seenotrettung diskutiert. Jetzt braucht es Druck, damit dies umgesetzt wird.
Die ehemalige Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete kandidiert für die Partei Die Linke für die Europawahl 2024. Eine gute Nachricht für die Seenotretter?
Carola war eine wichtige Figur für Sea-Watch. Wir haben nach wie vor ein gutes Verhältnis zu ihr. Aber ihr politisches Engagement hat nichts mit Sea-Watch zu tun.