Warum St. Gallen der Reformation viel verdankt

Stickereien und Stiftsbezirk: Die dynamische Koexistenz von Reformierten und Katholiken begünstigte den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt St. Gallen. Und die St. Galler Kirche hat mit Vadian und Zwingli gleich zwei Reformatoren. Das Reformationsjubiläum wollen Kirche und Stadt daher mit insgesamt 2,2 Millionen Franken unterstützen.

Das Vadian-Denkmal und die Kirche St. Mangen: Beide sind Stationen des Reformationsweges, der am 6. Juni eröffnet worden ist.
Das Vadian-Denkmal und die Kirche St. Mangen: Beide sind Stationen des Reformationsweges, der am 6. Juni eröffnet worden ist. (Bild: Daniel Klingenberg)

St. Gallen wird oft nach dem katholischen Namensgeber als Gallusstadt bezeichnet. Die Stadt mit rund 80’000 Einwohnern hat jedoch reformierte Wurzeln. Mit der Reformation hat sie sich vom damaligen Benediktinerkloster emanzipiert. Auf engstem Raum lebten die beiden Konfessionen durch eine Schiedmauer getrennt und nicht immer friedlich nebeneinander. Die reformierte Stadt umschloss geographisch das katholische Kloster.

Leitfigur der St. Galler Reformation war der Humanist Joachim von Watt, genannt Vadian. Der in St. Gallen aufgewachsene Gelehrte kam 1518 als bekannte Persönlichkeit von der Universität Wien in seine kleine Heimatstadt.

Das Reformations-Gen des Stadtpräsidenten

Diese Geschichte will die Stadt St. Gallen, die auch das Label «Reformationsstadt» trägt, in Erinnerung rufen. Sie lässt sich das etwas kosten: 700’000 Franken sollen dafür aus der Stadtkasse fliessen. Mit Thomas Scheitlin hat St. Gallen zudem einen Stadtpräsidenten, der Vorfahren bis in die Reformationszeit hat. Hat Scheitlin eine Reformations-DNA?

«Ein gewisses Gen habe ich sicher noch übernommen», sagt der 63jährige Freisinnige. «Ich bin kein Ideologe, stosse gerne Veränderungen an, hinterfrage Bestehendes oder widersetze mich auch einmal Traditionen. Aber ich werde sicher keinen neuen Bildersturm auslösen.» Am 6. Juni haben die Feierlichkeiten mit einem Reformations-Rundgang durch die Stadt begonnen, geführt durch eine App.

Jubiläum 2018: Zwischen Luther-Jahr und Zürich

Federführend beim Reformationsjubiläum ist aber die St. Galler Kantonalkirche. Auch sie stellt mit 1,5 Millionen Franken und damit dem zweithöchsten Betrag einer Deutschschweizer Kirche einen stattlichen Betrag zur Verfügung. «Wir haben mit unserem Engagement im Reformationsjubiläum zwei Ziele», sagt Kirchenratspräsident Martin Schmidt. «Einerseits wollen wir die Identität der Reformierten im Kanton stärken. Wir sind eine ‹Kirche der Freiheit›, die als Bildungsbewegung massgeblich zur Sinngebung der Gesellschaft und für den Einzelnen beiträgt. Anderseits sollen neben den kantonalen Grossanlässen vor allem in den Gemeinden Projekte entstehen, denn Reformation ist auch eine Basisbewegung.»

Das Jubiläum startet mit einem Grossanlass am Reformationssonntag 2017 in der Stadt St. Gallen und endet am Bettag 2018 in Wildhaus im Obertoggenburg. Mit diesem Fahrplan nutzen die St. Galler die mediale Aufmerksamkeit des Luther-Jahres 2017, setzen sich aber zeitlich vor die Zürcher Feierlichkeiten im Jahr 2019.

Die Schauplätze St. Gallen und Wildhaus, wo Huldrych Zwingli die ersten Lebensjahre verbrachte, sind mit zwei kirchlichen Erneuern verknüpft. Denn: «Mit Zwingli und Vadian hat St. Gallen gleich zwei grosse Reformatoren», sagt Schmidt. Aber nicht die Personen, sondern die Sache steht im Mittelpunkt. «Für uns ist das Jubiläum kein Helden-Gedenken. Mir ihrem Mut haben Zwingli und Vadian bewirkt, dass ein Ruck durch die Gesellschaft ging.»

Reformation als Demokratisierungsschub

Statt der Berühmtheiten wird die reformatorische Leistung für die Allgemeinheit betont. «Reformation hat den Weg zur demokratischen Mündigkeit der Menschen geebnet», sagt Schmidt. «Die Erkenntnis vom ‹Priestertum aller Gläubigen› war ein Demokratisierungsschub. Dieser hat mit der Einrichtung von Schulen, in der die Reformierten führend waren, eine feste Form bekommen.»

Entsprechend will die Kirchenleitung mit dem Jubiläum auch die Kirchenbasis in Bewegung bringen. In den 41 Kirchgemeinden des Kantons mit rund 110’000 Reformierten sollen Projekte und Anlässe mit Blick auf die Reformation entstehen.

So plant eine Gruppe um die St. Galler Pfarrerin Kathrin Bolt ein Theater zum reformatorischen Stichwort «Freiheit» und bindet dabei ihre Kirchgemeinde ein.

Wildhaus nimmt das Jubiläum zum Anlass, seine Position als Zwingli-Ort zu stärken. Dabei wird die familiäre Herkunftsgeschichte von Zwingli aufgearbeitet, und als Fernziel soll ein Besucherpavillon beim Zwingli-Geburtshaus entstehen.

Gelebte Ökumene

Für Martin Schmidt hat das Jubiläum noch einen weiteren Aspekt: Das positive Miteinander von Reformierten und Katholiken in St. Gallen. Denn die konfessionellen Spannungen sind längst vorbei. So ist beispielsweise Bischof Markus Büchel Mitglied im Patronatskomitee «500 Jahre Reformation St. Gallen». «Seit Jahrzehnten gibt es hier eine gelebte Ökumene sowohl bei den Spitzenvertretern wie der Basis und wir sind damit zusammen stark. Auch das ist eine Reformations-Botschaft», sagt Schmidt. Dass St. Gallen oft als «katholischer Kanton» gilt, stört ihn nicht. «Wir Reformierten leben sehr gut mit der Rolle als konfessionellem Junior-Partner.»

Die herausfordernde Koexistenz von Reformierten und Katholiken in der Stadt St. Gallen war auch wesentlicher Grund ihres wirtschaftlichen Aufstiegs. «St. Gallens heutige internationale Bedeutung mit dem Stiftsbezirk als Unesco-Welterbe und Stickerei-Spitzenprodukten geht auf die Reformationszeit zurück», sagt Stadtpräsident Scheitlin. «Die damalige politische und religiöse Trennung der Stadt vom Kloster verhalf St. Gallen zu einem eigenen Selbstbewusstsein. Diese Dynamik trug wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung bei.»

Reformierte Wurzeln bei der Universität

Die Katholiken bauten im 18. Jahrhundert wenige Jahrzehnte vor der Klosteraufhebung den barocken Stiftsbezirk. Die protestantische Arbeitsethik machte die reformierte Stadt mit der Herstellung und dem Handel von Stickereien und Textilien reich. Auch die Universität St. Gallen hat dort ihre Wurzeln: 1898 als «Handels-Akademie» gegründet, sollte diese Textilkaufleute für den Welthandel schulen. Im Jubiläumsjahr werden solche Zusammenhänge in Vorträgen erörtert.