Wahlen in Deutschland

Kirchen zeigen sich nach Wahlerfolg der AfD besorgt

Der deutliche Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt stimmt auch Kirchenvertreterinnen aus der Schweiz nachdenklich. EKS-Präsidentin Rita Famos warnt vor gesellschaftlicher Ausgrenzung und erklärt, dass Kirchen eine doppelte Aufgabe hätten.
Wahlplakat der AfD in Sachsen-Anhalt. Im Hintergrund die Kirche St. Johannis in Magdeburg. (Bild: epd)

Auf den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt reagieren nicht nur Kirchenvertreter aus Deutschland mit Sorge. «Das Ergebnis muss uns auch in der Schweiz nachdenklich machen», sagt Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) auf Anfrage von ref.ch.

Demokratie erschöpfe sich nicht darin, dass Mehrheiten entscheiden, sagt Famos. «Sie lebt ebenso von Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Pluralität und dem Schutz von Minderheiten.» Wenn politische Kräfte grossen Zulauf erhielten, die diese Grundlagen mit nationalistischer und ausgrenzender Rhetorik infrage stellten, könne das Kirchen nicht gleichgültig lassen.

«Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Menschen, die AfD gewählt haben, pauschal abzuschreiben», sagt die EKS-Präsidentin. «Ein solches Ergebnis zeigt auch, wie tief Verunsicherung, Unzufriedenheit und gesellschaftliche Entfremdung reichen.» 

Kirchen hätten deshalb eine doppelte Aufgabe: «Sie müssen unmissverständlich dort widersprechen, wo Menschen abgewertet und gegeneinander ausgespielt werden. Und sie müssen Räume offenhalten, in denen Menschen miteinander im Gespräch bleiben, gerade wenn die Gräben tiefer werden.»

Gespaltenes Land

Claudia Buhlmann, Radiopredigerin und Pfarrerin in der Berner Kirchgemeinde Münchenbuchsee-Moosseedorf, ist in Sachsen-Anhalt in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Nach dem Erfolg der AfD brauche sie Zeit, ihre Gedanken zu ordnen, schreibt sie auf Anfrage. «Ich bin noch sehr erschüttert.» 

Es sei zu befürchten, dass das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt mehr Spaltung mit sich bringe. «Für die Kirchen ist das eine grosse Herausforderung. Wieder einmal braucht es Mut, für die Freiheit des Evangeliums einzustehen.» 

Görtzen: «Offenbar enttäuschte Wählerschaft»

Mit Entsetzen habe er das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt zur Kenntnis genommen, schreibt Carsten-Constantin Görtzen auf Anfrage. Der pensionierte evangelisch-reformierte Pfarrer aus dem Kanton Luzern wuchs in der DDR auf, kritisierte den totalitären Ein-Parteien-Staat, geriet ins Fadenkreuz der Stasi und wurde am Ende ausgebürgert. Heute schreibt er Bücher, die an seine Familiengeschichte angelehnt sind (ref.ch berichtete).

Mit einem Sieg der AfD habe er aufgrund der Umfragewerte rechnen müssen, aber: «Ich hatte immer noch gehofft, dass es nicht ganz so schlimm kommt.»

Für Görtzen ist es eine Katastrophe, dass eine gesichert rechtsextreme Partei mit so viel Macht ausgestattet werde. «Die politischen Alternativen zur AfD müssen wirklich über die Bücher gehen», meint der pensionierte Pfarrer. Sie müssten einen Weg finden, ihre Politik der «offenbar enttäuschten Wählerschaft» begreiflich zu machen.

Das müsse gelingen, «bevor in Deutschland und Europa wieder das Licht ausgeht und brauner Sumpf zur Normalität wird», sagt Görtzen.

Ähnlich lauteten die Reaktionen der Kirchen im betroffenen Bundesland. «Das Land ist gespalten», schreiben der evangelische Landesbischof Friedrich Kramer, der katholische Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, und der anhaltische Kirchenpräsident Karsten Georg Wolkenhauer in einer gemeinsamen Mitteilung.

Das Wahlergebnis zeige eine grosse Unzufriedenheit in weiten Teilen der Bevölkerung. Die Sorge der Kirchenvertreter gelte nun vor allem «dem sozialen Frieden und dem Miteinander der Menschen in unserem Bundesland.»

Kramer betont, die Kirchen stünden weiterhin an der Seite jener, «die mit wachsamem Blick auf die Politik der AfD schauen». Feige fordert die Wahlsieger auf, die Verfassung Sachsen-Anhalts und das Grundgesetz uneingeschränkt zu achten. Wolkenhauer kündigt Widerstand gegen eine Spaltung der Gesellschaft, eine Schwächung demokratischer Institutionen und Einschränkungen von Freiheitsrechten an.

Holocaust-Überlebende: «Ergebnis macht Angst»

Bestürzt reagieren auch Vertreter der jüdischen Gemeinschaft auf den Ausgang der Wahl. Zentralratspräsident Josef Schuster sagt, er sei «persönlich entsetzt». Die Holocaust-Überlebenden Charlotte Knobloch und Eva Umlauf erklären, das Wahlergebnis mache ihnen Angst.

Die AfD erreichte nach dem vorläufigen Ergebnis 43,8 Prozent der Stimmen und wurde damit deutlich stärkste Kraft (ref.ch berichtete). Eine Mehrheit der Sitze im Landtag verfehlte sie. Der Landesverband der Partei wird vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalts als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. (epd/ hz/ gab / dst)

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema