«Viele Festivalbesucher waren positiv irritiert»

Am Greenfield-Festival trafen sich vergangenes Wochenende über 70'000 Rockmusik-Fans. Mittendrin war auch der reformierte Pfarrer Samuel Hug. In seiner «AnsprechBar» boten er und sein Team mitten auf dem Gelände Seelsorge an – und bekamen so manche Lebensgeschichte zu hören.

Pfarrer Samuel Hug (2.v.r) mitten auf dem Greenfield-Festival in Interlaken. (Bild: zvg)

Herr Hug, Sie waren am Wochenende als Pfarrer am Greenfield-Festival. Wie haben die Besucher auf Sie und Ihr Team reagiert?

Positiv irritiert. Viele haben sich natürlich gefragt, was Seelsorge auf so einem Festival zu suchen hat. Und beim Vorbeilaufen gab es schon auch das eine oder andere Schmunzeln. Aber die Reaktionen waren fast ausschliesslich gut. Unser ökumenisches Team aus metalaffinen Pfarrern, Sozialdiakonen, Sozialarbeitern und geschulten Laien hat weit über 300 Gespräche geführt. Somit wurden unsere Erwartungen übertroffen.

Wie sah Ihre Arbeit vor Ort aus?

Zum einen haben wir die «AnsprechBar» betrieben, in der die Leute in einer «metallisch» eingerichteten Lounge bei einem Wasser mit uns reden konnten. Es gab dort auch separate Räume für Privatgespräche. Und es gab «Sch…rei die Wand an!», eine Wand, an der man seine Gefühle rauslassen konnte. Ein Dezibelmessgerät mass die Lautstärke. Zum anderen waren wir auch auf dem Festivalgelände unterwegs und haben dort den Kontakt zu den Menschen gesucht. 

Mit welchen Themen und Situationen wurden Sie konfrontiert?

Es gab zum Beispiel Gespräche über Beziehungen, die auseinandergegangen sind. Und sonstige menschliche Schicksale und Tragödien. Ich kann wegen der seelsorgerischen Schweigepflicht nicht zu sehr ins Detail gehen. Aber es gab durchaus herausfordernde Gespräche. 

Sie sagen es selbst: Die Leute reagierten zuerst irritiert. Braucht es an so einem Festival wirklich Seelsorge?

Ja. Einige merkten, dass sie auch in der Masse eigentlich einsam sind. Kommen dann noch der Schlafmangel und der Alkohol hinzu, haben Dinge von zu Hause manche eingeholt. 

Sie waren das erste Mal als Seelsorger am Greenfield-Festival. War es schwierig, die Veranstalter von so einem Angebot zu überzeugen?

Es war ein längerer Weg. Die Idee hatte ich schon vor fünf Jahren. Beim Wacken-Festival, einem der grössten Openairs der Welt, gibt es sowas ja schon länger. Wir konnten die Veranstalter überzeugen, dass so ein Angebot Hand und Fuss hat.  

Wie wurde der Stand finanziert?

Wir waren im Rahmen des Projekts «Metalchurch» vor Ort. Die Stiftung für kirchliche Liebestätigkeit im Kanton Bern hat für dieses erste Jahr einen namhaften Beitrag gesprochen. Unsere Ausgaben sind damit aber noch bei weitem nicht gedeckt – geschweige denn die anfallenden Kosten für die nächsten Jahre. Wir suchen darum aktuell noch weitere Unterstützung und Spender.

Am Festival gab es auch eine Kapelle, in der Pärchen bei einem amerikanischen Pastor heiraten und sich gleich wieder scheiden lassen konnten. Ausserdem konnte gebeichtet werden. Was halten Sie von diesem Angebot?

Dieses «Las-Vegas-mässige» Angebot entspricht mir nicht. Beziehung und Ehe sind für mich etwas Ernsthaftes, ja Heiliges. Aber jeder ist selber mündig, um zu entscheiden, ob er sowas will oder nicht. Wichtig ist, dass wir uns auf unsere Art von Kirche konzentrieren. 

Sie bezeichnen sich als Metalpfarrer, Ihre Kirche als Metalchurch. Was unterscheidet Sie von anderen Seelsorgern?

Wir richten uns an eine spezielle Subkultur. Metal ist ein Lebensstil. Wir als Metalchurch versuchen der Frage nachzugehen, was es bedeutet, in dieser Kultur Christ zu sein. Wir verstehen Kirche nicht als Territorium. Auch als reformierte Kirche müssen wir neue Formen entwickeln, wie wir nahe bei den Menschen sein können. 

Und in der Metalszene gibt es viele gläubige Christen?

Es gibt alles. Gläubige, Atheisten, Heiden und natürlich noch jene, die auf Dunkleres stehen. Über Gespräche kann man durchaus Leute erreichen, die zuerst dachten, dass Metal und christlicher Glaube gar nicht zusammenpassen. Bei Black-Metallern ist das natürlich schwieriger. Doch ich weiss, dass auch das geht. Metaller provozieren und testen einen manchmal, um zu sehen, wie man reagiert. Wenn man dann nicht gleich wütend wird und mit einem Augenzwinkern antworten kann, sind sie in der Regel ganz freundlich.