Ausstellung

«Unsere heutigen Glückskonzepte sind nicht mehr tragbar»

Nachhaltiger leben und erst noch glücklicher werden: Tönt gut, aber wie schaffen wir das? Nadja Buser von der Schweizer Entwicklungsorganisation Helvetas hat dazu mit ihrem Team eine Ausstellung konzipiert.

Alle glücklich machen, nicht nur sich selbst: Das will «Global Happiness». (Bild: Adrian Zwyssig / Helvetas)

Frau Buser, wieso soll man die Ausstellung «Global Happiness» besuchen? Wissen wir nicht schon längst, was uns glücklich macht?
In der Ausstellung geht es eben nicht nur um unser persönliches Wohlbefinden, sondern vor allem um nachhaltiges Glück – das ist ein innovativer Ansatz.

Was ist mit nachhaltigem Glück gemeint?
Die kanadische Bildungsprofessorin Catherine O’Brien hat den Begriff geprägt. Sie meint damit Glück, das sowohl zu persönlichem als auch zu gemeinschaftlichem und globalem Wohlbefinden beiträgt. Glück, das weder andere Menschen noch die Umwelt oder kommende Generationen schädigt.      

Also weg vom Egotrip.
Genau. Unsere westeuropäischen Glückskonzepte sind individualistisch geprägt. Es geht in erster Linie darum, wie wir unser persönliches Wohlbefinden steigern. Natürlich ist das auch wichtig, aber in der heutigen Zeit sind diese Glückskonzepte nicht mehr tragfähig. Wir müssen sie erweitern. 

 

Und wie soll das gelingen?
Das ist ganz individuell. Ich zum Beispiel bin ein Morgenmuffel. Wenn ich morgens einen Kaffee trinke, trägt dieser kurzfristig zu meinem persönlichen Wohlbefinden bei. Wenn ich nun aber weiss, dass dieser Kaffee fair produziert wurde und weder Mensch noch Umwelt zu Schaden gekommen sind, erhöht dieses Morgenritual meine Zufriedenheit viel ganzheitlicher. Auch jede Form von Hilfsbereitschaft steigert das Glücksempfinden. In der Psychologie gibt es den Begriff «warm glow» – das warme Gefühl, das man in sich spürt, wenn man anderen Menschen etwas Gutes tut. 

Sie haben für die Ausstellung viel über Glück und Nachhaltigkeit recherchiert. Was haben Sie für sich gelernt?
Ich hinterfrage mein Verhalten häufiger als früher. Wieso tue ich dies oder das? Wo renne ich etwas hinterher, das gar nicht das bringt, was ich mir wünsche? Ich kümmere mich auch viel bewusster um die Qualität meiner sozialen Beziehungen. Und ich habe mir angewöhnt, erst etwas zu kaufen, wenn ich es wirklich vermisse.

Zur Person

Nadja R. Buser ist Projektleiterin bei Helvetas. Für die Schweizer Entwicklungshilfeorganisation hat sie die Ausstellung «Global Happiness» konzipiert. Zudem ist sie für das jährliche Fachsymposium zuständig, das sich an Expertinnen der Entwicklungszusammenarbeit richtet.

Buser hat an der Universität Basel Ethnologie, Kunstgeschichte und nachhaltige Entwicklung studiert. Später war sie für verschiedene Institutionen unter anderem in Liberia, Ruanda, Kolumbien und den Philippinen. Nach einer Weiterbildung zur Ausstellungsmacherin sowie Kuratorin und einer Stelle beim Alpinen Museum Schweiz wechselte sie im Jahr 2016 zu Helvetas. (hz)

Wir wissen eigentlich, dass Konsum nur kurze Zeit glücklich macht. Wieso kaufen wir dennoch ständig neue Dinge?
Die Halbwertszeit von Kaufartikeln ist erstaunlich kurz. Nur nehmen wir das viel zu wenig wahr. In unserer Konsumgesellschaft werden wir laufend zum Kaufen angeregt. Sich dem zu entziehen, ist nicht einfach. Sarah van Gelder, eine Buchautorin und Journalistin vom holländischen Magazin «Sustainable Happiness», sagt: «Unsere Vorstellung von Zufriedenheit wurde von der Konsumhaltung gekapert». Ich finde, das trifft es sehr gut. 

Gemäss einem jährlich erscheinenden Bericht der Vereinten Nationen zählen die Menschen in den skandinavischen Ländern und der Schweiz zu den glücklichsten der Welt. Gilt dies auch für nachhaltiges Glück?
In diesem Ranking belegt die Schweiz jeweils einen Spitzenplatz. Das liegt am hohen Durchschnittseinkommen, aber auch daran, dass wir in einem sicheren und politisch stabilen Land leben, in dem wir mitbestimmen können und über ein gutes Gesundheits- und Bildungssystem verfügen. Würde die Nachhaltigkeit mitgerechnet, hätten andere Länder die Nase vorn.

Welche?
Es gibt eine alternative Rangliste, bei der für die Glückserhebung auch die Auswirkungen auf die Umwelt berücksichtigt werden. Da liegt Costa Rica an erster Stelle. Dort fühlen sich die Menschen zwar etwas weniger glücklich als in der Schweiz, ihr ökologischer Fussabdruck ist aber deutlich geringer. 

Was können wir von Ländern wie Costa Rica lernen?
In lateinamerikanischen Ländern ist der Einklang mit der Natur von grosser Bedeutung. In Ecuador und Bolivien ist er sogar in der Verfassung geregelt. In vielen dieser Staaten ist die Wirtschaftslage schlechter als bei uns. Bei Glücksbefragungen zeigt sich jedoch, dass Menschen in Lateinamerika trotz objektiv schlechterer Lebensbedingungen zufriedener sind als jene in westlichen Ländern. Glücksforscher nennen dies das lateinamerikanische Paradox. Interessant ist auch: Für manche Menschen ist eine Steigerung des Glücks gar nicht erstrebenswert.

Im Pavillon zum individuellen Glück sollen sich die Besucher überlegen, in welchen Bereichen sie sich einschränken können oder ganz verzichten wollen. (Bild: Marcello Keller / Helvetas)

Für wen?
In China zum Beispiel will man das Glück nicht unbedingt optimieren, weil nach dem Prinzip von Yin und Yang auf grosses Glück auch grosses Unglück folgt. Für Leute, die sich auf dem Optimierungstrip befinden, kann dies ein inspirierender Gedanke sein.

Für die Ausstellung wurden Menschen aus Bhutan, Guatemala, Mali und der Schweiz über ihr Glück befragt. Was lernen wir von Bhutan?
Bhutan misst Fortschritt nicht am Bruttonationalprodukt, sondern am Bruttonationalglück – also der Zufriedenheit seiner Bürgerinnen. Das Land will sich dadurch nachhaltig entwickeln. Die Bhutaner werden regelmässig nach ihrem Glücksniveau befragt. Das Resultat beeinflusst politische Massnahmen, und die Zufriedenheit steigt stetig. Trotzdem ist der Weg von einem armen Land zu einem, in dem alle genug haben, steinig. 

In der Ausstellung kommt ein Bewohner aus Mali zu Wort. Er sagt, dass Gott ihn glücklich mache. Wie gross ist der Einfluss von Glaube und Spiritualität auf unsere Zufriedenheit? 
Weil Helvetas keine Hilfsorganisation ist, die aus einer religiösen Tradition entstanden ist, haben wir diesen Aspekt in der Ausstellung dezent behandelt. Aber natürlich ist es ein Thema. Gemäss Glücksforschung trägt jeglicher Zugang zu Religiosität und Spiritualität zur Zufriedenheit bei. Man weiss aus der Psychologie, dass Rituale wichtig sind: für den Rhythmus, für Pausen, für Denk- und Reflexionsräume. Abgeben und loslassen – das sind Prozesse, die wichtig sind für die Zufriedenheit.

Ausstellung in der Umweltarena Spreitenbach

Die Helvetas-Ausstellung «Global Happiness» geht der Frage nach, wie alle Menschen auf der Erde zufrieden und innerhalb der Ressourcen des Planeten leben können. Die Besucherinnen werden durch fünf Pavillons geführt, in denen sie sich selbst über ihr Glück und das Glück auf der Welt ihre Gedanken machen können.

Man hört von Menschen aus Bhutan, Guatemala, Mali und der Schweiz, was sie persönlich glücklich macht – und entdeckt dabei Unterschiede, aber auch viele Gemeinsamkeiten. Man geht ins Glücksarchiv und erfährt, wieso für die Tessiner SP-Ständerätin Marina Carobbio Guscetti Wanderschuhe Glück bedeuten – und wieso sich ein junger Afghane einfach nur Geld wünscht: Um sich einen Reisepass zu kaufen und den Spitalaufenthalt seiner Mutter zu finanzieren.

Dass Glück nicht bloss eine esoterische Idee ist, zeigen im Wissenschaftspavillon Daten und Zahlen aus der Glücksforschung. Verschiedene Medien kommen zum Einsatz: Videos, interaktive Karten und Animationen. Und im Glückstest wird man schliesslich dazu eingeladen, sein eigenes Wohlbefinden zu bewerten. (hz)

Die Ausstellung «Global Happiness» kann noch bis am 30. April in der Umweltarena in Spreitenbach besucht werden. Mi-So, 10-17 Uhr. 18 Franken für Erwachsene, Kinder unter 6 sind gratis.

Die Ausstellung war schon in anderen Teilen der Schweiz zu sehen. Wird «Global Happiness» nicht vor allem von Leuten besucht, die ohnehin schon ein starkes Bewusstsein für dieses Thema haben und zu einem grossen Teil bereits nachhaltig leben? 
Diese Frage hat uns auch interessiert. Wir lassen deshalb unsere Ausstellungen jeweils von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften evaluieren. Seit Oktober haben wir erste Zwischenresultate. Eine Erkenntnis ist: Im Vergleich zu früheren Ausstellungen haben wir mit «Global Happiness» mehr Leute erreicht, die wenig Vorwissen hatten. Allerdings können wir nicht beurteilen, ob sich alle Besucherinnen mit der Nachhaltigkeit auseinandersetzen oder sich nur über individuelles Glück informieren.

Die Ausstellung zeigt Wege zu nachhaltigem Glück auf. Was ist nötig, damit sich unsere Gesellschaft in diese Richtung verändert? 
Auf systemischer Ebene wäre es hilfreich, die Wachstumsgeissel zumindest zu drosseln. Etwa indem man die realen Kosten von Produkten und Dienstleistungen ausweist. Dass also bei den Preisen auch die effektiven Kosten des Energieverbrauchs und die ökologische Belastung mitberechnet werden. Erste Ansätze gibt es ja bereits, nur haben sie sich politisch noch nicht durchgesetzt.

Braucht es dazu eine noch grössere globale Krise, eine weitere Pandemie oder radikale Protestaktionen?
Ich hoffe nicht. Helvetas engagiert sich ja für politische Aktionen, aber nicht für radikale. Wir haben gerade den Appell für globale Gerechtigkeit lanciert und auch die Konzernverantwortungsinitiative unterstützt. Vieles tut sich ja auch. Der Druck nimmt zu. Ich denke da zum Beispiel an die Klimabewegung. Viele Menschen haben in den letzten Jahren ihr Konsumverhalten geändert, kaufen lokal ein oder essen vegetarisch. Noch vor zehn Jahren war mein Vater wie viele in seiner Generation ein Hardcore-Fleischesser. Heute ernährt er sich bewusster. In unserer Ausstellung kommen viele Leute zu Wort, die mit gutem Beispiel vorangehen. Wie Minimal Mimi, eine junge Berlinerin, die mit ganz wenigen Gegenständen auskommt und darüber in den sozialen Medien berichtet. Solche Vorbilder sind wichtig.