Krieg in der Ukraine

«Viele sind vor der Kälte aufs Land geflohen»

Russlands Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung zielen direkt auf die Zivilbevölkerung. Den Menschen mache aber noch etwas zu schaffen, sagt Martin Hiltbrunner vom Hilfswerk Caritas Schweiz.
In Wärmezelten, wie hier in Kiew, können sich die Menschen aufwärmen und ihre Handys laden. (Bild: Maxym Marusenko/ Keystone)

Herr Hiltbrunner, viele Ukrainerinnen und Ukrainer müssen seit Wochen ohne Heizung und Strom auskommen – und das bei eisiger Kälte. Wie ist die Situation aktuell?
Für die Menschen in Kiew und anderen Grossstädten ist die Situation sehr belastend. Putin hat gezielt die Energieversorgung angegriffen, das ist Teil seiner Zermürbungstaktik. In vielen Haushalten gibt es weder Strom noch Wasser. Der ukrainische Staat versucht, den verbliebenen Strom so zu verteilen, dass jede Region zumindest zeitweise versorgt ist. Das führt aber immer wieder zu Ausfällen andernorts.

Warum konnten die Angriffe so grossen Schaden anrichten?
Die russischen Angriffe sind massiv und in den letzten Monaten noch intensiviert worden. Gleichzeitig stammt das ukrainische Versorgungssystem noch aus der Sowjetzeit. In der Ukraine gibt es grosse zentrale Heiz- und Stromwerke, die ganze Stadtteile versorgen. Wenn diese Anlagen ausfallen, kann das Wasser nicht mehr in die Häuser gepumpt werden und die Heizungen bleiben kalt. Die Menschen müssen das Trinkwasser im Laden kaufen und können auch nicht mehr duschen.

«Die Menschen wissen nicht, wie es ihren Freunden und Angehörigen geht.»
Martin Hiltbrunner

Was belastet die Menschen besonders?
Neben der Kälte ist es vor allem der Ausfall der Telekommunikation. Ohne Strom funktionieren auch Handy und Internet nicht. Die Menschen können keinen Kontakt zu ihren Freunden und Angehörigen aufnehmen und wissen nicht, wie es ihnen geht. Das ist für viele schlimmer, als in der Wohnung frieren zu müssen.

Wer leidet besonders unter den aktuellen Umständen?
Am stärksten betroffen sind ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Sie könne ihre Wohnungen oft nicht verlassen und sich selbst versorgen. Unsere Partnerorganisationen unterstützen sie mit einer Art von Spitex, um sie mit dem Nötigsten zu versorgen.

Zur Person

Martin Hiltbrunner arbeitet seit drei Jahren bei Caritas Schweiz. Seit 1,5 Jahren ist er zuständig für die Programme im Nahen Osten und in der Ukraine. Er hat einen Master in Logistik und humanitärem Management sowie mehrere Jahre Berufserfahrung im Bereich der Humanitären Hilfe. Er hat mehrere Jahre in Ländern arabischer Sprache gelebt und gearbeitet. (no)

Manche Wohnhäuser sind schon seit Wochen ohne Strom und Heizung. Wie gehen die Menschen damit um?
Viele Stadtbewohner sind inzwischen zu Verwandten aufs Land gezogen. Dort gibt es oft Holzöfen und bessere Möglichkeiten, sich selbst zu versorgen. Andere sind auf Gasheizungen umgestiegen, denn Gas ist noch vorhanden. Wieder andere finden bei Freunden Unterschlupf, die über eine funktionierende Heizung verfügen. Man hilft sich gegenseitig so gut als möglich.

Was unternimmt der ukrainische Staat, um zu helfen?
Ich bin immer wieder beeindruckt, wie gut der ukrainische Zivilschutz funktioniert. In den betroffenen Stadtteilen wurden Heizzelte aufgestellt, wo die Menschen heissen Tee trinken und sich austauschen können.

«Die internationale Hilfsbereitschaft ist bei weitem nicht ausreichend.»
Martin Hiltbrunner

Caritas Schweiz leistet seit Kriegsbeginn Nothilfe vor Ort. Worauf konzentrieren Sie sich dabei?
Ein Schwerpunkt von uns liegt auf der Soforthilfe in Frontnähe. Wir stellen Mittel bereit, damit Menschen aus gefährdeten Gebieten evakuiert werden können. Zudem helfen wir beim Reparieren beschädigter Häuser und Wohnungen und bieten psychologische Betreuung an. Familien erhalten Bargeld, damit sie selbst entscheiden können, was sie sich am dringendsten beschaffen müssen. Jetzt im Winter kann das zum Beispiel Holz zum Heizen sein. Gleichzeitig fördern wir kleine Unternehmen und unterstützen Firmengründungen, damit die Leute ein eigenes Einkommen erwirtschaften und langfristig eine Perspektive haben.

Wie erleben Sie die internationale Hilfsbereitschaft?
Sie ist bei weitem nicht ausreichend. In der Ukraine sind rund 10 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Von den weltweiten Regierungen ist lediglich etwa die Hälfte der benötigten Mittel zusammengekommen. Auch wenn andere Krisenregionen noch schlimmer dran sind, kann man von einem Versagen der internationalen Gemeinschaft reden.

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