Proteste in der Türkei

«Für die Jungen ist Religion kein grosses Thema mehr»

Vor allem junge Menschen protestieren in der Türkei gegen Staatschef Erdoğan. Dessen religiöses Programm findet bei ihnen wenig Anklang. Viele Junge hätten sich von der Religion abgewandt, sagt Türkei-Experte Christoph Ramm.
Studierende protestieren in Instanbul gegen die Verhaftung von Bürgermeister Ekrem İmamoğlu. «Die Plätze gehören uns, vergesst nicht, dass dieses Land uns gehört», ist auf dem Banner zu lesen. (Bild: Erdem Sahin / Keystone).

Herr Ramm, in der Türkei demonstrieren Hunderttausende gegen die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu. Wie gefährlich sind die Proteste für Präsident Erdoğan?
Die Folgen sind schwer einzuschätzen. Sicher ist, dass Erdoğan die Protestbereitschaft in der Gesellschaft unterschätzt hat. Seine Position ist deutlich schwächer als noch vor 12 Jahren, als es ebenfalls zu Massenprotesten gekommen war. Die Türkei leidet heute unter einer schwächelnden Wirtschaft und einer hohen Inflation. In den Augen eines bedeutenden Teils der Bevölkerung ist Erdoğan zum Symbol für diesen Abstieg geworden.

Wer sind die treibenden Kräfte bei den Demonstrationen?
Es ist ein heterogener und breiter Protest. Sehr sichtbar sind jüngere Menschen und Studierende. Im Unterschied zu 2013 schliessen sich aber auch andere Bevölkerungsteile an. Es ist beinahe wie ein Querschnitt der Gesellschaft. Das zeigt, wie gross die Unzufriedenheit im Land ist.

Erdoğan hat die Türkei in den vergangenen 15 Jahren Schritt für Schritt in ein autoritäres System umgewandelt. Welche Rolle spielt die Religion dabei?
Man versieht Erdogans Religionspolitik gerne mit dem Label «islamistisch». Ich würde seinen Politikstil eher als einen religiös aufgeladenen Nationalismus bezeichnen. Ideologisch gesehen ist Erdoğan recht pragmatisch. Er nutzt Religion, wenn es darum geht, ein konservatives islamisches Publikum in der Türkei, aber auch in mehrheitlich muslimischen Ländern anzusprechen.

«Trotz Erdoğans islamischer Rhetorik hat die Religiosität in der Türkei insgesamt abgenommen.»
Christoph Ramm

Ist seine Politik vergleichbar mit anderen rechtspopulistischen Bewegungen weltweit?
Es gibt Parallelen zu ähnlichen rechtsautoritären Entwicklungen in Ländern wie Ungarn, Russland, Israel oder Indien. Die Vermischung von Nationalismus und Religion ist beispielsweise typisch für Putins grossrussische Pläne. Auch Donald Trump bedient nationalistisches und imperialistisches Denken und stützt sich unter anderem auf rechtskonservative Christen.

Zur Person

Christoph Ramm ist  Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Mittlerer Osten und muslimische Gesellschaften der Universität Bern, wo er türkische Sprache und Geschichte unterrichtet. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Themen wie Nationalismus und Transnationalismus, Migration und (Post-)Kolonialismus bis zu Aussenpolitik und Populärkultur. Unter anderem hat er sich mit der Geschichte der türkischen Pop- und Rockmusik in den 1960er Jahren befasst. (no)

Spielt Religion in den aktuellen Protesten eine Rolle?
Die Religionsfrage spielt im Hintergrund mit. Dazu muss man wissen, dass der Gegensatz von Säkularität und Religion die türkische Gesellschaft lange geprägt hat. Das hat sich vor allem in der Kopftuchfrage kristallisiert. Sowohl Säkularisten als auch Islamisten hatten mit dieser Frage in der Vergangenheit extrem polarisiert. Erdoğan, der ursprünglich aus der türkisch-islamistischen Bewegung kommt, hat schliesslich das Kopftuchverbot aufgehoben und so muslimischen Frauen aus dem konservativen Bürgertum den Zugang zu den Universitäten ermöglicht, wo es lange ein Kopftuchverbot gab. Das hatte auch ein emanzipatorisches Moment. Heute aber politisiert Erdoğan zunehmend an der Gesellschaft vorbei.

Inwiefern?
Die Mehrheit der Menschen in der Türkei will nicht mehr, dass Religion so stark politisiert wird. Das hängt damit zusammen, dass die Religiosität trotz Erdoğans islamischer Rhetorik insgesamt abgenommen hat. Einer Studie von 2022 zufolge ist die Zahl derjenigen, die sich explizit als nicht religiös oder atheistisch versteht, gestiegen. Auch gibt es heute weniger Frauen, die Kopftuch tragen. Insbesondere bei den Jungen ist Religion nicht mehr das grosse Thema.

Die Proteste bewegen auch die Türkinnen und Türken im Ausland. Auf welcher Seite stehen sie?
Das hängt stark davon ab, wie sie sich die türkeistämmige Gemeinschaft sozial zusammensetzt. In der Schweiz gehören relativ viele Türkeistämmige zu Minderheiten wie der kurdischen oder der alevitischen Gemeinschaft. Viele davon sind aus politischen Gründen in die Schweiz gekommen und tendieren dazu, die Opposition zu unterstützen. In Deutschland sieht es etwas anders aus, weil hier Arbeitsmigration eine grössere Rolle spielte.

«Die Oppositionspartei CHP hat realistische Chancen, bei den nächsten Wahlen eine Mehrheit zu gewinnen – falls diese relativ fair verlaufen.»
Christoph Ramm

Momentan protestiert die türkische Opposition mit einem Aufruf zum Konsumboykott gegen die Regierung. Welche Szenarien sehen Sie für den weiteren Verlauf des Konflikts?
Da spielen viele Faktoren eine Rolle: Gelingt es der Regierung, die Proteste wie vor 12 Jahren niederzuschlagen? Kann die Opposition trotz Repressionen auf längere Sicht mobilisieren? Eins zeigen die Proteste sehr deutlich: Es gibt in der Türkei eine starke Zivilgesellschaft und eine ausgeprägte Protestkultur.

Wie realistisch ist ein Regierungswechsel?
Bei den letzten Kommunalwahlen hat die Oppositionspartei CHP gezeigt, dass sie Erdoğans AKP auch in deren Hochburgen überflügeln kann. Sie hat also realistische Chancen, bei den nächsten Wahlen eine Mehrheit zu gewinnen – falls diese relativ fair verlaufen. Im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl von 2028 ist aber noch vieles ungewiss. Theoretisch kann der türkische Präsident laut Verfassung nur zwei Amtsperioden regieren. Erdoğan könnte das jedoch zu umgehen versuchen, indem er vorgezogene Neuwahlen ausruft.

Was würde ein Regierungswechsel für die Religionspolitik bedeuten?
Es ist zu erwarten, dass die Oppositionspartei CHP die Religionsfrage eher aus der Politik heraushält – die frühere kemalistische Staatspartei Atatürks hat sich in dieser Fragen inzwischen sehr gewandelt. Ich denke nicht, dass sie zu einem ideologischen Säkularismus zurückkehrt, sondern Religion entpolitisiert und sich damit dem gesellschaftlichen Trend anpasst.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema