Kunst
Magier der Farbe aus den Dolomiten – vor 450 Jahren starb Tizian
Als kaum Zwanzigjähriger durfte er 1508 mit seinem Werkstattkollegen Giorgione bereits die Fassaden des venezianischen Fondaco dei Tedeschi ausmalen, der Niederlassung deutscher Kaufleute an der Rialtobrücke. Heute sind nur noch verwitterte Reste dieser Fresken erhalten.
Als er sein Meisterwerk schuf, die «Himmelfahrt Mariä» in der Frari-Kirche der Franziskaner in Venedig, zählte er 28, höchstens 30 Jahre – sein exaktes Geburtsdatum ist umstritten, er kam zwischen 1488 und 1490 zur Welt. Tiziano Vecellio, kurz Tizian, galt zu seiner Zeit als der bedeutendste Maler Italiens. Er starb vor 450 Jahren, am 27. August 1576, in Venedig.
Der begabte Künstler aus dem Dolomitenstädtchen Pieve di Cadore stammt aus einer wohlhabenden Familie mit Notaren und Richtern. Schon im Schulalter zog er nach Venedig, wo die Kunst blühte und auch das freie Denken. Zensur gab es dort relativ wenig. Die damals berühmten Brüder Bellini nahmen ihn in ihre Malerwerkstatt auf.
Betörende Farben
Was Tizian bald in aller Welt beliebt und prominent machen sollte, war die Magie seiner Farben. Als er nach Venedig kam, war die Lagunenstadt bereits bekannt für ihren «colorito», den gekonnten Umgang mit dem Farbenspektrum. Die besten Werkstätten der Maler verkauften ihre Farbpigmente in alle Welt.
Auch Tizian stellte seine betörenden Farben selbst her, variierte sie in hundert Abstufungen zu Beerenrot, Pfirsichgelb, Nachtblau, Goldschimmer – und zu jenem Rotblond in wallenden Frauenhaaren auf seinen Gemälden, das unter dem Namen «Tizianrot» damals in Italien als Schönheitsideal galt und heute noch in Friseursalons ein Begriff ist.
Kaum ein Farbton ist so geeignet, Lichtreflexe einzufangen und eine warme, ja sinnliche Atmosphäre zu erzeugen. Bekannt ist er auch für die Lebendigkeit seiner Menschendarstellungen, der Einfluss auf nachfolgende Maler ist gross.
Stadt Venedig bleibt sein Lebensmittelpunkt
Geschickt, raffiniert, aber auch enorm fleissig, schaffte es Tizian in wenigen Jahren, der «erste Maler» der Republik Venedig zu werden. Der kunstsinnige Herzog Alfonso d'Este von Ferrara hatte ihn zwar mit den Fürstenhäusern von Mantua und Urbino bekanntgemacht, aber es blieb bei kurzen Visiten und gelegentlichen Aufträgen.
Tizian reiste auch nach Rom, schuf ein Papstporträt. Die Einladung, dauerhaft an den päpstlichen Hof zu wechseln, schlug er aus. Von der Stadt Venedig aber sicherte er sich ein festes Gehalt und das Privileg, sämtliche Dogen zu einem – stolzen – Einheitspreis zu porträtieren.
Bald besuchte er als offizieller Gesandter und Diplomat die Fürstenhöfe Europas. Kaiser Karl V., der gleichzeitig König von Spanien war, hatte er am Hof von Bologna kennengelernt. Zu Karls Thronfolger, Philipp II. von Spanien, sollte er später eine richtiggehende Freundschaft unterhalten.
Salon als Treffpunkt von Politikern und Künstlern
In Venedig bewohnte der Vater von drei Kindern eine Villa mit Blick auf die Lagune und unterhielt einen Salon, in dem sich Politiker, Diplomaten, Finanzagenten, Literaten, Künstler trafen. Tizian muss ein bezaubernder Gastgeber gewesen sein, charmant, höflich, diskret, aber selbstbewusst, hochgebildet, voller Geist und Witz. Man sagte ihm gleichzeitig eine extreme Geschäftstüchtigkeit nach.
In seinen letzten Lebensjahren schuf er mehrere Frauenporträts, von der Göttin Venus bis zur heiligen Maria Magdalena – so direkt und erotisch, wie es bis dahin noch keiner gewagt hatte. In Venedig starb er auch 1576, ob an Altersschwäche oder an der grassierenden Pest, lässt sich nicht klären. Man begrub ihn rasch und jeden Prunk in der Frari-Kirche der Franziskaner.