Giacometti-Jubiläum

Gestalten, bis nichts mehr da ist

Alberto Giacometti als Seelenverwandter der Reformatoren? Der Theologe Ralf Frisch wirft in seinem Buch zum Giacometti-Jubiläum einen ungewöhnlichen Blick auf den Schweizer Künstler.
Alberto Giacometti (1901-1966) arbeitete obsessiv an seinen Skulpturen. (Bild: Jean-Régis Roustan / Keystone)
Das Wichtigste in Kürze

Warum steht Alberto Giacometti 2026 besonders im Fokus?
2026 steht Alberto Giacometti im Zeichen eines Doppeljubiläums: Sein Tod jährte sich am 11. Januar zum 60. Mal, am 10. Oktober wäre der Schweizer Künstler 125 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat der Theologe Ralf Frisch ein Buch über Giacometti veröffentlicht.

Wie deutet Ralf Frisch Giacomettis Kunst aus theologischer Sicht?
Frisch versteht Giacomettis obsessives Arbeiten an Skulpturen und Zeichnungen als Suche nach dem Wesen des Menschen und nach einem Absoluten, das sich letztlich nicht vollständig erfassen lässt. Darin erkennt er eine Nähe zur Theologie, die ebenfalls vom Versuch geprägt ist, über etwas letztlich Unfassbares zu sprechen.

Warum nennt Ralf Frisch Giacometti einen «Seelenverwandten der Reformatoren»?
Frisch sieht eine Parallele zur Theologie Martin Luthers: Beide verweigern sich dem Glanz und sind vom Ringen, Scheitern und immer neuen Ansetzen geprägt. Giacomettis ausgemergelte Figuren deutet er deshalb als eine Art «Schmerzenskunst».

Auch wer mit moderner Kunst wenig vertraut ist, kennt die hageren, langgestreckten Figuren Alberto Giacomettis. Werke wie «Der Schreitende» oder «Der Zeigende» sind längst zu Ikonen der Moderne geworden. Auf dem Kunstmarkt erzielen sie Rekordsummen und machten ihren Urheber zu einem der berühmtesten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Giacomettis Skulpturen werden oft als Sinnbilder für die Einsamkeit und Zerbrechlichkeit des Menschen verstanden. Zugleich wirken sie rätselhaft und üben eine eigentümliche Anziehungskraft aus.

Dieser Faszination ist auch der deutsche Theologe Ralf Frisch erlegen. Zum Doppeljubiläum des Künstlers – Giacometti wurde am 10. Oktober 1901 im Bergell geboren, am 11. Januar jährte sich sein Tod zum 60. Mal – hat Frisch ein Buch publiziert. Darin versucht er, dem Phänomen Giacometti auf die Spur zu kommen und wirft einen theologischen Blick auf Leben und Werk des Schweizer Künstlers.

«Kampf mit der Materie»

Seine erste Begegnung mit den Skulpturen Giacomettis hat Frisch nicht vergessen, wie er im Gespräch mit ref.ch sagt. «Ich näherte mich den Figuren von der Seite. Das war noch nicht spektakulär. Aber als ich davorstand, erlebte ich diese unglaubliche Gegenwärtigkeit. Es schien mir wie Kunst aus einer anderen Welt», erinnert sich der Theologe an einen Ausstellungsbesuch in Zürich.

Giacomettis Arbeitsweise ist diesen Skulpturen tief eingeprägt. Wieder und wieder überarbeitete der Künstler in seinem ärmlichen Pariser Atelier seine Werke. «Man sieht den Kampf mit der Materie», sagt Frisch. «Giacometti hat oft so lange an seinen Skulpturen geformt, bis am Ende nichts übrig war und er von Neuem anfangen musste.»

Diese hartnäckige Suche nach der endgültigen Form spiegelt sich auch im zeichnerischen Werk. Der befreundete Schriftsteller Jacques Dupin, der Giacometti selbst Modell sass, bemerkte, dass ein Gesicht bei ihm zum «Schauplatz eines gnadenlosen Kampfes wird». Filmaufnahmen zeigen, wie Giacometti Strich für Strich auflegte, bis sich das Liniengeflecht zu einer schwarzen Fläche verdichtet.

Parallele zur Theologie

Als ein Ringen um ein nicht näher beschreibbares Absolutes sieht Frisch das Schaffen Giacomettis. Der Künstler habe sich nicht damit begnügen wollen, etwas Schönes zu schaffen. «Man hat den Eindruck, dass er etwas wollte, was eigentlich unmöglich ist. Es ging ihn um das Wesen, die Essenz eines Gesichts. Um Wahrheit».

Für Frisch berührt Giacometti damit eine Frage, die auch im Zentrum der Theologie steht. «Als Theologe will ich von Gott reden, und zugleich weiss ich, dass das unmöglich ist.» Giacomettis Kunst habe mit der Theologie gemeinsam, dass es in ihr «um alles» gehe. Doch dieses Streben sei zum Scheitern verurteilt, «weil wir Menschen sind und nicht Gott». «Was für mich das Faszinosum Giacomettis ausmacht, ist, dass er diesen Kampf immer wieder von Neuem aufnimmt», sagt Frisch.

Keine glanzvolle Kunst

Der deutsche Theologe macht einen überraschenden Vergleich: Für ihn ist Giacometti gar so etwas wie ein «Seelenverwandter der Reformatoren». Martin Luther habe eine Theologie vertreten, die sich am Gekreuzigten abarbeite. «Es ist eine Theologie, die gebrochen, hinkend, stammelnd ist», sagt Frisch. Am Ende seines Lebens habe Luther zugeben müssen: «Wir sind Bettler. Das ist wahr».

Auch Giacomettis Kunst verweigert sich dem Glanz. Seine Figuren sind ausgemergelt, seine Bilder in düsteren Braun- und Grautönen gehalten. «Man könnte in Analogie zum Christentum sagen, Giacometti habe sich unter das Kreuz der Kunst gestellt. Seine Kunst ist eine Schmerzenskunst», sagt Frisch.

Am Ende aber bleibt Giacometti vor allem ein Rätsel. Wohl auch deshalb, weil die Wirklichkeit für ihn ein Rätsel war. «Ich schaue, und alles ist mir unbegreiflich», meinte er einmal über sich selbst. Ein ähnliches Gefühl haben Betrachterinnen und Betrachter seiner Werke bis heute. Das Jubiläumsjahr bietet eine Gelegenheit, noch einmal darüber zu staunen.

Ralf Frisch: «Der Kampf mit dem Engel. Ein theologischer Blick auf Alberto Giacometti». TVZ, Zürich 2026; 108 Seiten, 22 Franken.

Der Autor stellt sein Buch am 4. September im Centro Giacometti in Stampa (GR) vor.

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