Die beiden evangelischen Kirchgemeinden Dussnang und Bichelsee teilen sich seit der Reformation das Pfarramt. Der jetzige Pfarrer wird bald pensioniert, und als Nachfolger stand vergangene Woche Maik Becker zur Wahl, momentan Pfarrer in St. Gallen-Straubenzell. Verschiedene Medien, darunter auch ref.ch, berichteten, dass Becker nur in Dussnang gewählt worden sei, nicht aber in Bichelsee, wo während der Wahlversammlung wegen seiner Homosexualität eine heftige Debatte entbrannt war.
Eine Analyse der Sachlage ergibt aber, dass Becker formal gesehen auch in Bichselsee gewählt worden ist. Dort haben 32 Personen leer eingelegt, und 26 Becker gewählt. Zur Ermittlung des absoluten Mehrs müssten die leeren Stimmen aber abgezogen werden, was im vorliegenden Fall bei 58 anwesenden Personen ein absolutes Mehr von 14 Stimmen ergibt. Das hat Becker mit 26 Stimmen deutlich erreicht.
Die üblichen Wahlabläufe
Der Thurgauer Kirchenratspräsident Wilfried Bührer bestätigt dies. «Es gelten die üblichen Wahlabläufe, genau so wie bei einer Wahl eines Gemeindepräsidenten.» Das Wahlgeschäft müsse aber nun sowieso in den nächsten Wochen vom Kirchenrat genehmigt werden, und vieles sei hier noch unklar. Es könne sich beispielsweise zeigen, dass bei der Versammlung Verfahrensfehler begangen worden sind. Und entscheidend sei natürlich auch, ob Becker die Wahl annehme.
Gemäss Bührer überlege man sich bei der Kantonalkirche, ob man das Prozedere bei Pfarrwahlen nicht grundsätzlich ändern sollte. Es seien schon früher Bedenken gegen dieses System geäussert worden, mit dem Hinweis, das seien ja schon fast sowjetische Zustände: «Wer einen Wahlvorschlag ablehnt, muss einen Gegenkandidaten aufbauen, sonst ist der Alleinkandidat gewählt. Und einen ernstzunehmenden Gegenkandidaten für ein Pfarramt aufzubauen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.» Mit einem System, bei dem man nicht mehr Personen namentlich wählt, sondern «ja» oder «nein» zu einer Person sagen kann, wäre der Volkswille klarer erkennbar.
Belastung für die Kirchgemeinden
Bührer korrigiert zudem Medienberichte, wonach Becker nun einfach die Wahl in Dussnang annehmen könnte. «Das Pfarramt, um das es bei der Wahl ging, gilt für beide Kirchgemeinden. Man kann hier nicht nachträglich die Spielregeln ändern.» Und jenseits aller Verfahrensfragen seien hier Menschen hüben und drüben verletzt worden, was sich belastend für alle in den Kirchgemeinden auswirken könne.
Maik Becker sagte auf Anfrage, dass er den Kirchenrat um eine einmonatige Bedenkzeit gebeten habe. Er möchte sich nächste Woche gründlich überlegen, ob er die Wahl annehmen will.