«Statt eines schönen Friedhofs ist dort dann ein Parkplatz» 

Die Archäologin und Historikerin Lambrini Koutoussaki kümmert sich mit einer Arbeitsgruppe ehrenamtlich um den Erhalt von historischen Friedhöfen. Wann ein Friedhof als wertvoll gilt und was mit ihnen in einer säkularisierten Gesellschaft geschieht, erzählt sie im Interview.

Unter anderem sorgen spezielle Grabsteine dafür, dass ein Friedhof als historisch wertvoll eingestuft wird. Wie hier in Davos im Kanton Graubünden. (Bild: zVg)

Frau Koutoussaki, Sie setzen sich für historische Friedhöfe in der Schweiz ein. Wie steht es um sie?
Ganz unterschiedlich gut. Für die Friedhöfe zuständig sind in der Regel die Gemeinden. Es kommt sehr darauf an, wer dort das Sagen hat. Je nachdem wird mehr oder weniger Geld in den Erhalt investiert. Manchmal fehlt den zuständigen Behörden auch das Wissen, wie und warum sie ihren Friedhof erhalten sollen. Man kann aber sagen, dass insbesondere grosse Friedhöfe in der Schweiz sehr gut gepflegt werden.

Wann gilt ein Friedhof als historisch wertvoll?
Auch das ist bei jedem unterschiedlich. Im Allgemeinen sind es die Anlage und die architektonischen Merkmale und Besonderheiten, die eine wesentliche Rolle spielen. Zum Beispiel, ob es ein Beinhaus noch gibt und wenn ja in welcher Form. Welche Gräber liegen wo? Sind Baustile zu unterscheiden? Auch das Alter des gesamten Friedhofes kann eine Rolle spielen. Dazu können auch Grabsteine, die historisch von Bedeutung sind, aufgenommen und kommentiert werden. Unsere Arbeitsgruppe beschränkt sich meistens, mit Ausnahme der jüdischen, auf Friedhöfe, die im 19. und 20. Jahrhundert angelegt wurden. Die Erforschung von noch älteren Friedhöfen wäre zu zeitaufwendig, da sie oft schlecht dokumentiert sind.

Was tun Sie, damit die Friedhöfe erhalten bleiben?
Ich und meine Kolleginnen und Kollegen von ICOMOS möchten ein komplettes Verzeichnis erstellen und dabei die Bevölkerung, aber auch die Behörden sensibilisieren. Deshalb gebe ich Interviews und spreche an Konferenzen über das Thema.

Warum ist Ihnen das wichtig?
Friedhöfe gehören zu unserem kulturellen Erbe und sind ein Teil der Schweizer Geschichte. Gerade in der heutigen säkularisierten Zeit ist das manchen nicht bewusst. In der Vergangenheit hat das oft dazu geführt, dass historisch wertvolle Friedhöfe aufgelöst und überbaut wurden. Statt eines schönen Friedhofes ist dort dann ein Parkplatz oder Gebäude zu finden.

  • Spezielle Grabsteine auf einem Friedhof in Bulle im Kanton Fribourg.

Viele Gräber werden gemäss Friedhofsreglement nach 20 oder 25 Jahren aufgehoben. Stört Sie das als Archäologin?
Wenn ich könnte, würde ich die Reglemente ändern! Aber das ist leider nicht möglich. Besonders tragisch ist, wenn Gräber aufgehoben werden, ohne dass den Angehörigen Bescheid gegeben wird. Viele historisch wertvolle Grabsteine sind so verloren gegangen.

Wenn Sie auf die Geschichte von Friedhöfen zurückblicken: Lassen sich Friedhof-Trends beobachten?
Ja. Früher waren die Grabsteine teurer und wurden mit mehr künstlerischem Aufwand hergestellt. Ab den 1980er-Jahren wurden sie einfacher. Auch investierte die Familie mehr Geld in die Gestaltung des Grabes. Ein sehr junger Trend in der Friedhofsgeschichte sind sicher die Gemeinschaftsgräber. Die gab es vor den 70er-Jahren kaum.

Heute verstreuen viele ihre Asche ausserhalb eines Friedhofes, es gibt auch Waldfriedhöfe.
Tatsächlich lassen sich je nach Kanton lediglich noch zwischen zwei und vier Prozent erdbestatten. Rund 10 Prozent der Urnen gelangen nie auf einen Friedhof. Hier ist eine gesetzliche Grauzone entstanden. Im Prinzip kann die Urne mitgenommen werden. Was mit ihr passiert, bleibt unter den Angehörigen. Ich finde, dass es mittlerweile einen zu grossen Wildwuchs gibt. Es braucht gesetzliche Regelungen.

Was fasziniert Sie persönlich an Friedhöfen?
Schon immer hat mich unser kulturelles Erbe interessiert. Ich bin in einem griechischen Dorf aufgewachsen, wo Traditionen wichtig sind. Das war auch der Grund, warum ich Archäologie und Altertumswissenschaften studiert habe. Schon vorher, aber vor allem während des Studiums entwickelte ich ein besonderes Interesse an allem, was mit dem Tod zu tun hatte. Es begann mit der Sepulkralkultur (Kultur des Todes, des Sterbens, des Bestattens; Anm. d. Red.) der Antike, und irgendwann landete ich dann bei den Friedhöfen.

Haben Sie einen Lieblingsfriedhof?
Da muss ich Sie enttäuschen. Jeder Friedhof hat seinen eigenen Charme.

Denken Sie, dass Sie als Friedhofs-Expertin einen anderen Blick auf den eigenen Tod haben?
Schwierig zu sagen. Ich weiss nur, dass ich zwar vor dem Sterben Angst habe, nicht jedoch vor dem Tod. Vieles im Leben ist unsicher. Der Tod ist es nicht. Diese Gewissheit fühlt sich für mich beruhigend an.


Zur Person: Die Archäologin und Altertumswissenschaftlerin Lambrini Koutoussaki ist Leiterin der Arbeitsgruppe «Historische Friedhöfe» der ICOMOS Suisse, einem internationalen Rat für Denkmäler und historische Stätten. Derzeit unterrichtet Lambrini Koutoussaki unter anderem Alt- und Neugriechisch.