Seelsorge im Gesundheitswesen

«Wir müssen mehr kommunizieren, was wir Gutes tun»

Auf Bundesebene hat die Seelsorge im Gesundheitswesen keine Fürsprecher. Claudia Kohli soll das ändern. Sie leitet seit Herbst ein ökumenisches Kompetenzzentrum in diesem Bereich – und soll nun für die Sache im Bundeshaus lobbyieren.
An der nationalen Konferenz zur Seelsorge im Gesundheitswesen im Januar: Geschäftsleiterin Claudia Kohli (2.v.l.) und Nationalrätin Ursula Zybach (3.v.l.), eingerahmt von den Co-Präsidentinnen des Steuerungsauschusses Sabine Stalder (1.v.l.) und Catherine Berger (r.).

Claudia Kohli, sie sind nun etwas mehr als 150 Tage Geschäftsleiterin des neu geschaffenen Kompetenzzentrums «Seelsorge im Gesundheitswesen». Wie haben Sie die erste Zeit erlebt?
Es war eine spannende Phase. Bis im vergangenen Herbst war ich als Pfarrerin in der Langzeitseelsorge tätig. Meine jetzige Stelle trat ich schon im September an, um die nationale Konferenz vorzubereiten, an der wir nun im Januar eine Plattform des Austauschs konstituiert haben. Reformierte und katholische Seelsorge haben in Bern zusammengefunden. Es war eine sehr konstruktive Stimmung.

Welche Themen waren an der ersten Konferenz wichtig?
Wir haben Seelsorgende aus verschiedenen Regionen der Schweiz gebeten, jeweils ein Impulsreferat zu halten. Dabei sind exemplarisch Probleme und Lösungen sichtbar geworden. Beispielsweise ist im Kanton Waadt der Übergang von der stationären in die ambulate Pflege eine aktuelle Diskussion. Den Teilnehmenden wurde klar, dass sie ähnliche Themen haben wie Seelsorgende aus anderen Kantonalkirchen.

Was haben Sie mitgenommen?
Meine Beobachtung ist, dass die Seelsorge im Gesundheitswesen sehr professionalisiert ist. Gleichzeitig ist die Sichtbarkeit der geleisteten Arbeit gering. Vom Wesen her ist die Seelsorge ein diskreter Dienst. Aber wir müssen kommunizieren, was wir Gutes tun. Das ist eine der Aufgaben meiner Stelle.

Mit der Sichtbarkeit hängt auch die Finanzierung der Seelsorge zusammen.
Je bekannter und professioneller die Seelsorge, desto mehr steigt der Bedarf. Doch gleichzeitig ist das Geld knapp – und je nach Kanton ist die Finanzierung anders geregelt.

Kürzlich hat in Appenzell das Kantonsparlament entschieden, die Spitalseelsorge weiterhin zu finanzieren. Im Kanton Solothurn hingegen soll gespart werden und die Kirche einen grösseren Teil der Kosten tragen.
Ja, im Appenzell ist es gut ausgegangen und in Solothurn sind es laufende Verhandlungen. Der Nutzen der Spitalseelsorge ist hoch, daran muss man immer denken. Seelsorgende betreuen eine breite Auswahl von Patientinnen und Patienten – nicht nur jene mit der eigenen Konfession, sie begleiten Angehörige und Mitarbeitende

Als beschlossen wurde, das Kompetenzzentrum einzurichten, war ein integraler Punkt, dass die Person an der Spitze zugunsten der Kirchen und der Seelsorge in Bern lobbyieren soll. Haben Sie damit schon begonnen?
Die Lobbyarbeit ist ein wichtiger Teil meiner Aufgaben. Doch bis Januar standen das Vorbereiten der Konferenz und die innerkirchliche Vernetzung im Vordergrund. Jetzt müssen wir die Anliegen nach aussen tragen zu Politikerinnen, Politikern und ins Bundesamt für Gesundheit.

Die Erwartungen an Sie sind hoch und vielfältig. Was bringen Sie an Erfahrung mit?
Als langjährige Seelsorgerin hatte ich das Privileg, viele Menschen ganz eng zu begleiten und viel praktische Erfahrung zu sammeln. Ich war Geschäftsleiterin des Aus- und Weiterbildungsprogramms in Seelsorge und Pastoralpsychologie der Uni Bern und bin dort seit zehn Jahren auch Privatdozentin. An der Medizinischen Fakultät unterrichte ich Module zu Spiritualität bzw. Spiritual Care. Ich lerne dort ständig dazu, wie man sprachfähig bleibt: Wie kann ich Ärztinnen und Pflegenden in alltäglicher Sprache vermitteln, weshalb in ihrem Bereich die Spiritualität wichtig ist.

Das klingt nach einer guten Vorbereitung für Gespräche mit Politik und Verwaltung.
Tatsächlich habe ich schon mit verschiedenen Politikern über Spiritualität im Gesundheitswesen diskutiert und erfahren, welche Vorstellungen sie beispielsweise von Spitalseelsorge haben. Ich merkte, dass ich noch so Einiges zu erklären habe. Auf diese Herausforderung bin ich gespannt.

Haben Sie schon Kontakte ins Bundeshaus geknüpft?
Bis jetzt eher zufällig, weil die Konferenz Priorität hatte. Mir ist wichtig, dass die Kontaktaufnahme strukturiert erfolgt. An der Konferenz hielt Nationalrätin Ursula Zybach ein Referat. Die Gesundheitspolitikerin hat die Co-Präsidentinnen des Kompetenzzentrums und mich ins Bundeshaus eingeladen, um dort weitere Kontakte zu knüpfen. Beim Bundesamt für Gesundheit wollen wir uns in Arbeitsgruppen einbringen.

Das Kompetenzzentrum Seelsorge im Gesundheitswesen ist eine gemeinsame Stelle der katholischen und der evangelisch-reformierten Kirche. Im Vorfeld äusserten beide Seiten eine gewisse Unsicherheit bezüglich der Zusammenarbeit, weil die Kirchen unterschiedlich organisiert sind. Was können Sie aus der Praxis berichten?
Ganz spontan? Ich spürte bei der Konferenz nichts davon. Vor Ort arbeiten die Seelsorgenden häufig in ökumenischen Teams zusammen. Unser Kompetenzzentrum ist agil, den Steuerungsausschuss erlebe ich als dynamisch und positiv. Ich habe die Hoffnung, dass wir angesichts der Dringlichkeit der Sache pragmatisch zusammenstehen werden.

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