Deutschland

Siegfried Lenz: Ein Leben für Literatur und Menschlichkeit

Der Schriftsteller Siegfried Lenz stellte Verantwortung, Moral und Menschlichkeit in den Mittelpunkt seines Werks. Vor 100 Jahren wurde er geboren.
Siegfried Lenz, 2009 bei einem Interview in Hamburg. (Bild: Keystone)

«Die Deutschstunde» erschien 1968 rechtzeitig zur Studentenrevolte und der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Der Roman um einen Mitläufer des Nazi-Regimes stand monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten. Seinen Autor Siegfried Lenz, geboren vor 100 Jahren, machte es international bekannt.

In «Die Deutschstunde» setzt der diensteifrige Polizist Jepsen das NS-Malverbot gegen seinen Freund durch, den Maler Nansen: Es geht um Pflichtbewusstsein und dessen nationalsozialistische Perversion. Nansen war dem Expressionisten Emil Nolde nachempfunden, und erst lange nach Erscheinen des Romans wurde bekannt, dass der wahre Nolde kein aufrechter Individualist und Faschismus-Kritiker war wie Nansen im Roman, sondern Nationalsozialist, Antisemit und Bewunderer Adolf Hitlers.

Einer der wichtigsten Autoren der Nachkriegszeit

Siegfried Lenz (1926-2014) zählt zu den wichtigsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Bereits 1955 hatte er einen Erzählband veröffentlicht, der zu einem grossen Erfolg wurde: Mit «So zärtlich war Suleyken» setzte er den Fischern und Holzflössern, Handwerkern und Bauern seiner masurischen Heimat ein liebevoll-ironisches Denkmal.

Dort, in Lyck, dem heutigen polnischen Elk, wurde er am 17. März 1926 als Sohn eines Zollbeamten geboren. Sein Vater starb früh, seine Mutter zog weg und überliess ihn der Grossmutter. Seine «zweite Familie» wurde das nationalsozialistische «Deutsche Jungvolk». Unter seinen Mitschülern war er auch unter dem Spitznamen «Seemann» bekannt. Lenz liebte das Wasser. «Später hat er die Liebe zur Masurischen Seenlandschaft auf das Meer und die Elbe übertragen», mutmasst der Literaturkritiker Jörg Magenau.

Nach dem Abitur 1943 meldete sich Lenz freiwillig bei der Kriegsmarine. Am 20. April 1944 wurde er in die NSDAP aufgenommen, am 2. Mai ging er an Bord. Später nach Dänemark abkommandiert, desertierte er kurz vor Kriegsende und kam in britische Kriegsgefangenschaft. Diese letzten Kriegstage verarbeitete er später in der Erzählung «Ein Kriegsende», die auch verfilmt wurde.

Aus britischen Zeitungen erfuhr Lenz von den Gräueltaten der Nationalsozialisten. 1947 schrieb er sich an der Hamburger Universität für ein Studium der Anglistik, Philosophie und Literaturwissenschaft ein, brach aber ab und ging als Volontär zur Tageszeitung «Die Welt». Dort lernte er seine spätere Ehefrau Liselotte kennen, mit der er 56 Jahre lang bis zu ihrem Tod verheiratet war.

Einsatz für Aussöhnung mit Polen

Sein erster Roman erschien 1951 und trug ihm den Kommentar «Nicht schlecht» von Thomas Mann ein. Unter dem Titel «Es waren Habichte in der Luft» erzählte er von der erfolglosen Flucht eines russischen Lehrers vor dem aufkommenden Kommunismus 1917/18 nach Finnland. 1952 stiess Lenz zur «Gruppe 47», einer Vereinigung renommierter gesellschaftskritischer Nachkriegs-Autoren.

Trotz seines Welterfolgs mit der «Deutschstunde» hielt Lenz seinen Roman «Das Heimatmuseum» für sein wichtigstes Buch. Darin erzählte er von einem masurischen Landsmann, der sich gegen den Missbrauch des «Heimat»-Begriffs wehrt, indem er das von ihm selbst erbaute Museum zerstört. Diese Abrechnung mit NS-Gauleiter Erich Koch und dessen verspäteter Räumung Ostpreussens im Zweiten Weltkrieg erschien erst 1978.

Da war der Autor längst zur öffentlichen Person avanciert. Schon bei den Bundestagswahlen 1965 trat er als Redner für die Sozialdemokraten auf. 1970 begleiteten der Masure Lenz und der Danziger Günter Grass Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags nach Polen. Beide Schriftsteller hatten sich erfolgreich für eine Verständigung mit den sozialistischen Staaten Osteuropas und für eine Aussöhnung mit Polen eingesetzt.

«Ombudsmann des menschlichen Anstandes»

Als Autor hatte Lenz nach eigenen Worten «einen Pakt mit dem Leser» geschlossen. Er galt zwar als traditioneller Erzähler mit wohlkalkulierter Spannung, doch gelegentlich experimentierte er auch. 1988 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, 1999 mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main.

Lenz glaubte immer an die humanisierende Kraft der Literatur. Seiner gesellschaftlichen Verantwortung als Autor war er sich stets bewusst, wie auch seine Essays unter dem Titel «Elfenbeinturm und Barrikade» belegen. Typisch für ihn seien «die Wärme, das Menschenfreundliche», so charakterisiert ihn der Literaturkritiker Magenau.

Am 7. Oktober 2014 ist Lenz in Hamburg gestorben. Bei der öffentlichen Trauerfeier im Hamburger Michel nannte ihn sein Freund, Ex-Kanzler Helmut Schmidt (SPD), einen «Ombudsmann des menschlichen Anstandes».

Anlässlich des 100. Geburtstags feiert die Hansestadt nun ihren Wahlbürger. Etwa mit dem Festival «Hamburg liest Lenz» im März.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema