100. Todestag
Chronist des Völkermordes an den Armeniern
Das Wichtigste in Kürze
Wer war Johannes Lepsius und warum ist er bis heute bedeutend?
Johannes Lepsius war ein evangelischer Theologe, Humanist und Orientexperte, der den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich dokumentierte. Er gründete das Armenische Hilfswerk und setzte sich international für die verfolgte christliche Minderheit ein. Lepsius wurde als «Schutzengel der Armenier» bekannt.
Wie dokumentierte Lepsius den Völkermord an den Armeniern?
Bereits 1896 veröffentlichte Lepsius nach einer Reise in das Osmanische Reich einen Bericht über die Massaker an den Armeniern und sprach von über 100’000 Toten. Während des Ersten Weltkriegs stellte er eine umfangreiche Dokumentation über den Genozid zusammen, die international als Beleg für die Verbrechen wahrgenommen wurde.
Welches Vermächtnis hinterliess Johannes Lepsius?
Lepsius verband theologisches Denken mit praktischem humanitärem Handeln und engagierte sich bis zu seinem Tod für Hilfe und Aufklärung. Sein Wirken inspirierte auch die Literatur: Der Schriftsteller Franz Werfel setzte ihm mit dem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh ein literarisches Denkmal.
Orientexperte, Humanist, «Schutzengel der Armenier»: Der evangelische Theologe Johannes Lepsius ist durch seinen Einsatz für die verfolgte christliche Minderheit im Osmanischen Reich weit über seinen Wirkungskreis in Deutschland und im Nahen Osten hinaus bekannt geworden. Er gründete ein Hilfswerk und dokumentierte den Völkermord an den Armeniern. Vor 100 Jahren, am 3. Februar 1926, starb er im Alter von 67 Jahren.
Johannes Lepsius wurde am 15. Dezember 1858 in Berlin geboren. Seine Mutter, Tochter eines Komponisten und einer Schriftstellerin, unterhielt dort einen Salon. Sein Vater gilt als Begründer der deutschen Ägyptologie, war Sprachwissenschaftler und Archäologe und ab 1855 Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin. Für die Theologie entschied sich Johannes Lepsius erst nach einem Philosophie- und Mathematikstudium. Eine «praktische Kritik der Wirklichkeit» werde seine Theologie sein, schrieb der Doktor der Philosophie 1881.
Erster Bericht über Massaker an Armeniern
Soziales Handeln und Lebensrettung «hier und jetzt» seien Lepsius' Ziel gewesen. So hat der verstorbene Hallenser Theologie-Professor und Lepsius-Experte Hermann Goltz einmal die Haltung des Mannes beschrieben. Lepsius soll stets Kant und das Neue Testament zur Lektüre mit sich getragen habe.
Lepsius nimmt 1884 seine erste Stelle als Hilfsprediger und Lehrer an – in Jerusalem. Damals war die Stadt noch Teil des Osmanischen Reiches. 1895 erfährt der Theologe von den Massakern an den Armeniern im Osmanischen Reich. Die Verfolgung dieses Volkes dauert da schon rund ein Jahr. Lepsius arbeitet inzwischen als Pfarrer in Deutschland, doch er reist in das Krisengebiet, um sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Nach seiner Rückkehr veröffentlicht Lepsius noch im Sommer 1896 einen Bericht darüber.
Anklageschrift gegen Grossmächte
In dem Buch «Armenien und Europa. Eine Anklageschrift wider die christlichen Grossmächte und ein Aufruf an das christliche Deutschland» schätzt er die Zahl der toten Armenier auf über 100'000. Sie seien «erschlagen, an ihren Wunden erlegen, auf der Flucht verschollen, an Hunger gestorben, Seuchen erlegen und unter dem Schnee des Winters in den Bergen begraben worden». Lepsius nennt 2500 verwüstete Städte und Dörfer, 645 zerstörte Kirchen und Klöster der christlichen Minderheit, 559 zwangsweise zum Islam bekehrte Dörfer, 328 in Moscheen umgewandelte Kirchen.
Um sich weiterhin für die Armenierinnen und Armenier einsetzen zu können, bittet der Theologe um Urlaub. Die Magdeburger Kirchenleitung verweigert ihm diesen. Deshalb legt Lepsius sein Pfarramt nieder, geht im Frühjahr 1897 nach Berlin und gründet dort das Armenische Hilfswerk. Krankenhäuser, Schulen sowie Arbeitsstätten für die verfolgte Minderheit entstehen im Nahen Osten.
Auch in seinem Privatleben ist viel los: Er lässt sich scheiden, heiratet ein zweites Mal, 1908 ist er Vater von zehn Kindern. Ab 1912 beteiligt sich Lepsius an internationalen Verhandlungen für eine Unabhängigkeit der armenischen Gebiete im Osmanischen Reich.
Völkermord ab 1915
Doch der Erste Weltkrieg setzt diesen Autonomieplänen ein Ende. Im Frühjahr 1915 beginnt ein weiterer Völkermord an den Armeniern, dem bis zu 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fallen. Lepsius, der inzwischen über vielfältige Kontakte verfügt, versucht noch den türkischen Kriegsminister Enver Pascha von dem Genozid abzubringen – jedoch ohne Erfolg. 1916 stellt er eine Dokumentation zusammen. Der rund 300 Seiten umfassende «Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei» wird von der deutschen Zensur verboten.
Dennoch erteilt das Auswärtige Amt zwei Jahre später dem längst international bekannten Lepsius den Auftrag, eine Dokumentensammlung über die Haltung der deutschen Regierung in der Armenierfrage zu publizieren. Die zur Verfügung gestellten Unterlagen sind unvollständig. Die Dokumentation wird im Ausland trotzdem als Beleg für die deutsche Beteiligung am Genozid bewertet. Das Auswärtige Amt unterbindet deshalb die weitere Verbreitung.
Verschleppte Frauen
1921 erschiesst ein armenischer Student in Berlin den früheren osmanischen Innenminister Talaat Pascha. Der Student kommt vor Gericht. Hauptgutachter im Mordprozess ist Johannes Lepsius. Der Attentäter wird freigesprochen. Danach widmet sich der Theologe vor allem seinem Armenischen Hilfswerk. Er engagiert sich auch dafür, verschleppte und versklavte armenische Frauen mithilfe von Lösegeldern freizukaufen.
Der rote Faden seines Lebens sei die Hilfe für die verfolgten Armenier gewesen, hat Lepsius-Experte Goltz Haltung das Wirken des evangelischen Theologen zusammengefasst. Lepsius sei ein Beispiel der «über das Nationale und Nationalistische herausragenden Humanität».
Der Schriftsteller Franz Werfel hat dem Chronisten der Genozid-Verbrechen mit dem Roman «Die vierzig Tage des Musa Dagh» ein literarisches Denkmal gesetzt. Das Werk wurde 1934 kurz nach der Veröffentlichung von den Nationalsozialisten verboten. Lepsius selbst war bereits acht Jahre zuvor schwer krank im Südtiroler Kurort Meran gestorben und auf dem evangelischen Friedhof der Stadt beigesetzt worden.