Klimaschutz

Zürcher Reformierte üben sich in direkter Demokratie

Zum ersten Mal stimmen Reformierte über ein Anliegen ab, das mit einer Volksinitiative lanciert wurde. In Zürich entscheidet sich am 27. September, ob sich die Kirche strengere Klimaziele geben soll als der Kanton. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Die reformierte Kirchgemeinde Meilen hat sich 2015 als eine der ersten der Schweiz mit dem «Grünen Güggel» auszeichnen lassen. Sie senkte in der Folge ihre CO2-Emissionen und ihren Energieverbrauch deutlich. (Foto: Gaëtan Bally)

Worum geht es bei der Abstimmung?

Die Zürcher Kirche will sich einen ehrgeizigen Fahrplan im Klimaschutz setzen. Bei Gebäuden will sie bis 2035 klimaneutral werden. Auf fossile Energieträger will sie ganz verzichten. Landeskirche und Kirchgemeinden sollen dazu verpflichtet werden, ihre Umweltauswirkungen systematisch zu erfassen und zu reduzieren.

Dafür müssten sich Kirchgemeinden mit einem Umweltlabel zertifizieren lassen. Die «Bewahrung der Schöpfung» erhielte ausserdem in der Kirchenordnung mehr Gewicht und ökologische Themen würden stärker in Bildung, Spiritualität und kirchliches Handeln einfliessen.

Diese Klimaschutz-Massnahmen gehen auf die «Schöpfungsinitiative» zurück. Kirchliche Klimaschützer hatten zum ersten Mal überhaupt in der Landeskirche erfolgreich eine Volksinitiative lanciert, indem sie 1600 Unterschriften beim Kirchenrat einreichten (ref.ch berichtete).

Dieser arbeitete einen Gegenvorschlag aus, der die zentralen Forderungen des Initiativkomitees aufnahm und den die Synode der Zürcher Landeskirche mit 54:45 Stimmen annahm. Die Gegner der Vorlage ergriffen das Referendum, weswegen es am 27. September zur Abstimmung kommt.

Wie argumentieren die Befürworter?

Die Bewahrung der Schöpfung sei eine zentrale Aufgabe der Kirche. «Ein Ja bedeutet, dass die Kirche Verantwortung übernimmt – gegenüber heutigen und künftigen Generationen», sagt Tobias Adam, Präsident des Initiativkomitees.

Die vorgesehene Änderung der Kirchenordnung schaffe einen verbindlichen Rahmen, damit Klimaschutz in der ganzen Zürcher Kirche Schritt für Schritt umgesetzt werden könne. Sie würde vor Ort in den Kirchgemeinden sehr konkret Wirkung entfalten, ist er überzeugt. Das Umweltlabel «Grüner Güggel» stehe seit Jahren für gelebte Schöpfungsverantwortung in vielen Kirchgemeinden.

Was sagen die Gegner?

Die Gegner fordern, dass die Autonomie der Kirchgemeinden bewahrt werden müsse, gerade im Umgang mit historischen Gebäuden. Renovationen seien komplex. Sie lehnen die Verpflichtung zur Zertifizierung mit einem Umweltlabel ab. Der «Güggelzwang» überfordere viele Kirchgemeinden und führe zu mehr Bürokratie.

Sie sind zudem der Ansicht, dass die Landeskirche kein eigenes Klimaziel braucht. Jenes vom Kanton, der bis 2050 Netto-Null bei den Emissionen anstrebt, genüge. Zahlreiche Zürcher Kirchgemeinden würden bereits heute zeigen, dass nachhaltiges Handeln auch ohne Zwang möglich ist.

Wie läuft der Abstimmungskampf?

Die Befürworter mobilisieren mit Flyeraktionen vor Kirchen sowie an anderen Orten, wo sie viele Reformierte vermuten. Zudem suchen sie in der Klimabewegung nach Unterstützern, wie etwa am Klimatag Winterthur und am Klimastreik vom 25.9. Auch über Social Media und in vielen persönlichen Gesprächen streuen sie ihr Anliegen. Ihr Kampagnen-Slogan lautet «Ja zur Schöpfung – heute entscheiden für morgen.»

Die Gegner lassen es etwas gemächlicher angehen. Sie haben eine Webseite erstellt, mit Kirchenpflegen und Kirchgemeinden gesprochen, wo sie wo immer möglich Flyer aufgelegt haben. Diese zeigen einen stolzen Hahn auf einer Kirche, die durch den Grünen Güggel erdrückt wird, darunter der Slogan: «Nein zum Güggelzwang». Auf die Strasse gehen sie nicht. Das sei schlicht zu wenig effizient, sagt Simone Schädler vom Nein-Komitee.

Die meisten Kirchenpflegen würden sich zur Neutralität verpflichtet fühlen und sich davor scheuen, klare Kante zu zeigen, berichten beide Seiten unsiono. Und auch die Parteien wollten sich nicht einmischen, nicht einmal die Evangelische Volkspartei.

Der Abstimmungskampf werde sehr gesittet geführt. So organisieren Befürworter und Gegner nicht nur gemeinsame Podien, sie haben im Stadtkloster auch zusammen gebetet. «Damit die Kirche aus der Diskussion lernt, egal, wie es rauskommt», sagt dazu Befürworter Adam. Auch Simone Schädler war beim Gebet dabei, sie sagt: «Christen waren auch zu Zeiten von Paulus nicht immer gleicher Meinung.»

Wer gewinnt?

Der Ausgang der Volksabstimmung am 27. September ist völlig unvorhersehbar. Anders als in der nationalen Politik gibt es keine Umfragen. Tobias Adam erwartet ein knappes Resultat, bei dem auch der Zufall eine Rolle spielen könnte.

Simone Schädler geht von einem Stadt-Land-Graben aus: Ein Ja in der Stadt, ein Nein in kleineren Gemeinden. Möglicherweise wird entscheidend sein, welche Seite besser mobilisiert.

Denn die Stimmbeteiligung dürfte nicht allzu hoch sein. Für Schädler wäre alles über 30 Prozent eine gute Quote. «Alles unter 20 Prozent müssten wir so deuten, dass die Kirche oder das Thema Klimaschutz für die meisten Menschen nicht relevant genug ist. Auch das wäre ein Learning.»

Tiefer setzt Tobias Adam die Erwartungen an. Da die Wahlbeteiligung bei Synodewahlen in den Bezirken zwischen 12 und 24 Prozent lagen, wäre er bereits mit mehr als 20 Prozent zufrieden.

Welche Rolle spielt die Hitzewelle?

Die Befürworter nehmen in ihrer Mitteilung auf die aktuelle Hitzewelle Bezug. Adam sagt: «Ein Ja am 27. September ist ein einfacher Weg, im Kleinen etwas sehr Wirkungsvolles zu tun». Dies vor dem Hintergrund, dass politisch derzeit vieles in die Gegenrichtung laufe – etwa die vom Bundesrat beschlossenen Sparmassnahmen beim Waldschutz oder die Parlamentarische Initiative für mehr Inlandfluglizenzen.

Die Gegner betonen, dass auch ihnen Klimaschutz wichtig sei. Sie fordern aber die Stärkung freiwilliger Instrumente wie Beratung, Erfahrungsaustausch sowie finanzielle Unterstützung. «Der Kirchenrat müsste auch vermehrt die Diskussion mit der Denkmalpflege suchen, die solchen Massnahmen oft im Weg steht», sagt Schädler.

Kontroverse Podien zur Abstimmung finden statt am: Mi, 2.9. Winterthur Seen (Kirchgemeindehaus, 19.30 Uhr). Mi, 2.9. Dietlikon (Kirchgemeindehaus, 19.30 Uhr). Do, 3.9. Zürich (ref. Kirche St. Peter, 19 Uhr), Mo, 7.9. Horgen (Kirchgemeindehaus, 19.30 Uhr). Di, 8.9. Andelfingen (ref. Kirche, 19.30 Uhr). Do, 10.9. Regensdorf (ref. Kirche, 19.30 Uhr). Do, 17.9. Zürich («Hirschli», Hirschengraben 7)

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