Katholische Kirche
Bilder eines Reformierten prägen den Petersdom
Der Künstler Manuel Andreas Dürr aus Biel hat sich gegen eine gigantische Konkurrenz durchgesetzt: über 1000 Bewerbungen aus 80 Ländern waren im Vatikan eingegangen. Zwar gab es im Vatikan immer wieder Wettbewerbe für kleinere Kapellen oder moderne Museen, doch eine internationale Ausschreibung für ein so zentrales liturgisches Element wie im Hauptschiff des Petersdoms gab es in dieser Form seit Jahrhunderten nicht mehr.
Besonders bemerkenswert ist die Identität des Künstlers. Manuel Dürr ist kein Katholik, sondern Mitglied der reformierten Kirche. Er gehört «Jahu» an, einer Gemeinschaft mit ökumenischem Auftrag innerhalb der evangelisch-reformierten Landeskirche Bern-Jura-Solothurn. Dass seine Bilder nun in unmittelbarer Nähe zu Meisterwerken von Michelangelo und Bernini hängen, empfindet er als starkes Zeichen. «Ich finde es schön, dass sich die katholische Kirche offen für einen ökumenischen Dialog zeigt», sagt Dürr.
Unübersehbare Werke
Wer in der diesjährigen Fastenzeit den Petersdom betritt, kann Manuel Dürrs Werke nicht übersehen. Die 14 grossformatigen Ölgemälde der «Via Crucis» sind im Hauptschiff des Petersdomes ausgestellt. Die Bilder sind entlang der monumentalen Pfeiler platziert, die das Mittelschiff säumen, und führen die Gläubigen sowie Besuchende sukzessive in Richtung des Papstaltars unter dem Baldachin von Bernini.
Dieser Ort ist die prominenteste Stelle des gesamten Vatikans. Damit stehen Dürrs moderne Interpretationen in direktem Sichtbezug zu den bedeutendsten Skulpturen der Kunstgeschichte. Es ist ein bewusster Kontrast: Die strukturierte Ölmalerei des Schweizers trifft auf den glatten Marmor und das Gold der Barockzeit.
In vielen römisch-katholischen Kirchen hängen Bilder mit den Stationen des Kreuzwegs Jesu an den Wänden des Kirchenraums. Meist handelt es sich um zwölf Bilder: Der Kreuzweg wird in zwölf Stationen eingeteilt, von der Verurteilung Jesu bis zu seinem Tod am Kreuz.
Manchmal kommen zwei weitere Stationen hinzu: die Abnahme Jesu vom Kreuz und seine Grablegung. An den Freitagen der Fastenzeit – oftmals um 15.00 Uhr, was als Sterbestunde Jesu gilt – versammeln sich Gläubige und meditieren die einzelnen Stationen im Gebet.
An manchen Orten bewegt sich die Gruppe dabei von Bild zu Bild. Auch im Freien werden Kreuzwegandachten mit mehreren Stationen der Besinnung abgehalten. (red)
Dürrs Kreuzweg besteht aus grossformatigen Ölgemälden. In einer Zeit der digital generierten Bilder-Flut setzt er bewusst auf eine, wie er es nennt, «altmodische Technik». In seinem Atelier in Biel entstanden Bilder, die durch ihre physische Präsenz bestechen. «Das Medium Öl, die Leinwand, die Bindemittel – ja, schon der Pinsel an sich – haben etwas nicht ganz Aktuelles», sagte Dürr Ende 2024 in einem Interview mit Radio Vatikan.
Doch genau darin liege die Stärke. Für Dürr ist die Materialität der Malerei – die Struktur der Farbe, die Schattenwürfe auf der Leinwand – eine angemessene Form, um das Mysterium der Menschwerdung Gottes darzustellen: «Wenn in Christus der undarstellbare Gott Körper geworden ist, dann braucht es auch einen Ort, wo Bilder wieder Körper werden.»
Die Darstellung des Leidensweges Jesu führte Dürr auch zu einer tiefen Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und dem Thema Schmerz. Inspiriert von Michelangelos «Pietà», die im Petersdom eine Mutter zeigt, die ihren toten Sohn im Arm hält, sucht Dürr nach einer «paradoxen Schönheit». Sein Glaube sei die Hoffnung, dass die Welt trotz aller Tragödien dem Guten entgegengehe.
Die Werke sind nicht als reine Kunstobjekte gedacht, sondern haben klar eine liturgische Funktion: Sie sollen die Gläubigen dazu einladen, den Kreuzweg Jesu während der Fastenzeit betend abzuschreiten.
Kinder miteinbezogen
In den vergangenen Jahren wurden oft wechselnde Leihgaben oder ältere Bestände für diesen Zweck genutzt; mit Dürrs Werk erhält der Petersdom nun eine zeitgenössische Interpretation, die den Standard setzen wird. Die Werke sind während der regulären Öffnungszeiten der Basilika für alle Pilgerinnen und Touristen zugänglich. Festgelegt ist das Projekt zunächst für die Fastenzeiten der nächsten Jahre.
Während Manuel Dürr an den riesigen Leinwänden arbeitete, war er nicht allein. Der dreifache Vater bezog seine Frau und die Kinder in den Prozess mit ein. «Ich mag es, die Kinder einzubeziehen», erklärt er. Ihr Feedback sei oft «ehrlich, manchmal sogar brutal». Für Dürr ist dies ein Beweis für die Unmittelbarkeit echter Kunst: Wenn eine Darstellung ein Kind berührt, ohne dass es kulturelle «Superstrukturen» oder Vorwissen braucht, dann hat das Bild seine Bestimmung erreicht.