«Kirchen behandeln Bildung stiefkindlich»
Herr Schlag, die Frage wird Ihnen vermutlich öfters gestellt: Ist kirchlicher Religionsunterricht noch zeitgemäss?
Ja. Wir befinden uns in einer Zeit der Krisen. Junge Menschen suchen nach Orientierung. Sich darüber mit Kindern und Jugendlichen zu verständigen, halte ich für sehr wesentlich. Dabei meine ich nicht, dass Kirchen top-down christlich erziehen sollen. Sie sollen mit den Jungen im Gespräch auf Augenhöhe sein.
Thomas Schlag ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich sowie Leiter des Zentrums für Kirchenentwicklung. Er lehrt seit bald zwanzig Jahren in der Schweiz und ist zudem seit dem 1. Januar 2021 Direktor des Universitären Forschungsschwerpunktes Digital Religion(s) an der Universität Zürich. (eba)
Sie haben jüngst öffentlich kritisiert, dass Kirchen zu wenig in Bildung investieren. Wie meinten Sie das?
Bildung ist in den letzten Jahrzehnten von den Landeskirchen stiefkindlich behandelt worden. Gottesdienste, Seelsorge und Gemeindeentwicklung stehen zuoberst auf der Agenda. Der Bildungsbereich wird wenn überhaupt als Nice-to-have gesehen. Daran sollte sich dringend etwas ändern. Mir fehlt da eine übergeordnete Strategie.
Können Sie das ausführen?
Es gibt zahlreiche landeskirchliche, regionale und auch kirchgemeindliche Initiativen. Die sind aber eher zerstückelt. Es braucht ein Denken in grösseren Zusammenhängen. Im Schulwesen beispielsweise haben sich die Erziehungsdirektoren irgendwann zum Lehrplan 21 durchgerungen. Auch Kirchen sollten in dieser Dimension denken, das wäre auch ein wichtiges Signal nach aussen. Schliesslich waren Kirchen schon immer auch Bildungsinstitutionen.
Wer wäre da gefordert?
Sicherlich wäre es an der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), ein Signal zu setzen. Offenbar prüft sie die Machbarkeit einer sogenannten Kirchlichen Fachschule.
Worum handelt es sich dabei?
Ich weiss nichts Genaueres über die Pläne. Aber es gibt Vorbilder in den Kantonen: In Basel-Stadt haben die evangelisch-reformierte und die römisch-katholische Kirche jeweils ein «Rektorat für Religionsunterricht» gegründet. Die Rektorate planen und organisieren gemeinsam den ökumenischen Religionsunterricht.
Was soll sich dadurch in den Kirchgemeinden konkret verändern?
Bildung findet nicht zuerst am Sonntag um 10 Uhr im Gottesdienst statt, sondern muss bei allen kirchlichen Angeboten immer mitgedacht werden. Ein Beispiel: Viele Kirchgemeinden wollen sich im Sozialraum weiterentwickeln. Es wird dann vielleicht darüber diskutiert, ein neues Café aufzumachen, und das wird dann diakonisch durchbuchstabiert. Aber der Bildungsaspekt wird vergessen.
Um beim Beispiel zu bleiben: Wie kann ein neues Café zur Bildung beitragen?
Es geht darum, mit den Menschen auch in inhaltlichen Fragen im Gespräch zu sein. Also beispielsweise zu fragen: Sind biblische Traditionen wie die Psalmen für den Umgang mit eigenen Krisen hilfreich? Wenn ja, wie? Oder: Welche Hoffnung machen Oster- und Auferstehungsgeschichten für das eigene Leben?
Eine neue Studie der Universität Zürich hat erstmals den kirchlichen Religionsunterricht untersucht. Dabei stiess die Qualität der kirchlichen Angebote auf Primarstufe auf grosse Zustimmung, wie Professor Thomas Schlag sagt. Kritische Voten gab es vor allem von distanzierten Kindern und Jugendlichen. Diese Gruppe sei im normalen Schulalltag aber wohl noch grösser, da der kirchliche Religionsunterricht freiwillig sei.
Die Studie untersuchte auch zum bisher dritten Mal die Konfirmationsarbeit. Die Ergebnisse zeigen, dass die Zufriedenheit mit dem Angebot in den letzten 15 Jahren gestiegen ist. Befragt wurden für beide Teilstudien Kinder, Eltern sowie Mitarbeitende in einer nicht repräsentativen Online-Umfrage zwischen 2021 und 2023. Die detaillierten Ergebnisse der Untersuchung erscheinen im Herbst 2024 im Theologischen Verlag Zürich. (eba)
Sie haben kürzlich erstmals den kirchlichen Religionsunterricht in der Schule untersucht. Was können die Kirchgemeinden aus Ihrer Studie lernen?
Die klassische wöchentliche Religionsstunde ist kein Erfolgsfaktor, um es zurückhaltend zu sagen. Da braucht es innovativere Angebote wie etwa Projektarbeit, Wochenendlager oder gemeinsame Reisen. Aus vergleichbaren Studien in anderen Ländern wissen wir: Je stärker im Team gearbeitet wird, desto besser wird die Qualität beurteilt. Beispielsweise hilft es, wenn in der Konfirmationsarbeit ältere Jugendliche aus der kirchlichen Jugendarbeit mitmachen.
Wo sonst sehen Sie Potenzial in der kirchlichen Bildung?
Junge Menschen lernen viel über Erlebnisse und Erfahrungen. Ich erachte darum die kirchlichen Rituale wie Abendmahl oder Taufe, aber auch ihre sakralen Räume als Riesenchance für Kirchen. Es gibt zum Beispiel nicht wenige Jugendliche, die als Kinder nicht getauft wurden. Diese denken während der Konfirmationszeit darüber nach, ob sie das noch nachholen wollen oder nicht. Diese Auseinandersetzung und Reflexion sollten Kirchen begleiten.
Der kirchliche Religionsunterricht erfolgt durch die Landeskirchen. In manchen Gemeinden fehlt aber einfach das Personal, so dass kein Unterricht stattfinden kann.
Das stimmt, es werden derzeit mehr Katechetinnen pensioniert als dass jüngere Erwachsene nachkommen. Offensichtlich ist der Beruf zu wenig attraktiv für Junge. Die Kirchgemeinden sind da gefordert.
Zum Schluss: Wie sieht für Sie der «perfekte Unterricht» aus?
Ich bin etwas auf Kriegsfuss mit dem Begriff Unterricht, das klingt nach Lehrbüchern und Lektionen. Wenn einem etwas wichtig ist, dann möchte man es mit anderen teilen oder besprechen. Das ist Bildung: Erfahrungen weitergeben und die eigene Weltsicht teilen. Wer zum Beispiel über Tod und Auferstehung nachdenkt und darüber diskutiert, der wird sicherlich auch bei jungen Menschen auf persönliches Interesse stossen. Bildung ist kein Vermittlungs-, sondern ein Teilungsvorgang.