Pro PID: Keine Einmischung in Gottes Plan

Reinhard Rolla befürwortet die Präimplatationssdiagnostik PID. Sie könnte gerade Frauen helfen, die sonst abtreiben würden. Rolla war 38 Jahre Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Hochdorf LU.

(Zeichnung: Temo Pogosiani)

Ist die Untersuchung von im Reagenzglas gezeugten Embryonen eine «Einmischung in Gottes Plan»? Ist das «Entsorgen» überzähliger, also bei der Implantation nicht benötigter Embryonen «Mord»? Die Gegner der PID sagen Ja und führen dafür gerne alttestamentliche Texte an. Psalm 8 etwa wird oft zur Betonung des menschlichen Status herangezogen. «Was ist der Mensch, dass du dich seiner annimmst!?» Mit Ausrufezeichen ist das ein Loblied auf den Menschen und seine Würde als Gottes Ebenbild. Mit Fragezeichen versehen ist es ein Staunen darüber, dass Gott sich so einem unbedeutenden Wesen widmet. Oder Psalm 139: «Du hast [. . .] mich gewoben im Mutterleib und [. . .] kunstvoll gewirkt in Erdentiefen.» Hier ist nicht der Prozess, sondern das Ergebnis im Blick: der geborene Mensch. Die Texte des Alten Testaments beschäftigten sich nicht mit Embryonen. Schon allein darum ist eine direkte Übertragung schwierig. Selbst das Tötungsverbot – «Du sollst nicht töten!» – kann von den Gegnern nicht wirklich verwendet werden. Der hebräische Text spricht von «morden», was die frevelhafteste Art des Tötens von geborenen Menschen bedeutet.

Dass die Argumentation häufig selektiv ist, zeigt auch das nächste Beispiel. Wie liesse sich folgende Stelle im Kontext der PID verstehen? «Furcht und Schrecken vor euch komme über alles, was da lebt. [. . .] In eure Hand sind sie gegeben!» sagt Gott in der Sintflut-Geschichte zu Noah. Der Mensch erhält für alles Lebendige eine «Generalvollmacht». Ein erschreckender Gedanke, aber ein biblischer. Hält man die Bibel für das geoffenbarte «Wort Gottes», muss man auch diese Aussage in die Überlegungen zur PID einbeziehen. In diesem Fall müsste das christliche Votum ein anderes sein: «Alles, was der Mensch kann, darf er auch!»

«Der Mensch ist nicht für den Sabbat da»

Bei all diesen theologischen und politischen Debatten darf nicht vergessen werden, um wen es geht: Kinder sowie Eltern, Mütter und Väter. Manche von ihnen gelten als «Risikopaare» – Paare, bei denen die Gefahr, ihren Kindern eine Krankheit zu vererben, enorm hoch ist. Andere werdende Eltern oder Mütter sind vielleicht überfordert und entscheiden sich für eine Abtreibung – notfalls im Ausland. Die ist aber besonders für die Mutter eine riesige Belastung. Die PID könnte helfen.

Betroffene Familien werden von der Gesellschaft zudem oft nicht genügend gestützt oder getragen. Haben wir das Recht, auf Basis alter Texte Menschen einen Lebensweg aufzunötigen, während neue Möglichkeiten längst eine grössere Selbstbestimmung ermöglichen?

Jesus sagte zum damals so geheiligten Sabbatgebot: «Der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen.» Er selbst hatte sich über gängige Konventionen und Regeln hinweggesetzt. Nicht gegen Gott, aber für die Menschen. Aus diesen Gründen bin ich für die PID.

 

Dieser Kommentar erschien zuerst in Bref Nr. 9/2016.

Hier gehts zum Contra-Kommentar von Ruth Baumann-Hölzle.