Contra PID: Grenze der Humanität wird überschritten

Ruth Baumann-Hölzle lehnt die Präimplantationsdiagnostik PID ab. Mit ihr werde menschliches Leben in lebenswertes und nichtlebenswertes eingeteilt. Die Theologin ist Leiterin des Instituts Dialog Ethik. Sie war Mitglied der nationalen Ethikkommission.

(Zeichnung: Temo Pogosiani)

Mit dem neuen Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG) fällt die freiwillige Selbstbeschränkung des Menschen, menschliches Leben als mit Würde begabt zu respektieren und nicht für andere Zwecke zu instrumentalisieren. Dies steht im Kontext einer längerfristigen Entwicklung hin zum synthetischen Menschen. Die hierfür notwendigen Technologien von der In-vitro-Fertilisation, der Entwicklung des Menschen ausserhalb des Mutterleibs, den genetischen Untersuchungsmöglichkeiten bis hin zu den Genscheren stehen bereit.

Nach der theologischen Vorstellung in der jüdisch-christlichen Tradition partizipiert das menschliche Leben von Beginn weg an der fremden, von Gott geschenkten Würde des Menschen und soll nicht instrumentalisiert werden. Doch die Welt als Gottes Schöpfung ist von einem tiefen Riss durchzogen, sodass der Mensch vor Tragik nicht verschont bleibt und es gleichwohl zu ethischen Dilemmasituationen kommen kann. Dabei ist es unvermeidlich, auch menschliches Leben zu instrumentalisieren, wie dies im Schwangerschaftskonflikt der Fall ist. Ein Schwangerschaftsabbruch wird aber bis anhin in der Schweiz allein durch die bestehende Notlage der Frau gerechtfertigt, und zwar auch dann, wenn er aufgrund einer durch Pränataldiagnostik gestellten Diagnose durchgeführt wird. Die sogenannte embryopathische Indikation, wonach die Schwangerschaft allein wegen bestimmter Eigenschaften des Embryos abgebrochen wird, gibt es bislang in der Schweiz nicht. Denn menschliches Leben soll nicht in lebenswertes und nichtlebenswertes eingeteilt werden. Indem im neuen FMedG die Präimplantationsdiagnostik für alle Paare schrankenlos zugelassen wird, wird genau diese Grenze der Humanität überschritten. Angesichts der vielen genetischen Untersuchungsmöglichkeiten stellt sich die Frage, nach welchen Abweichungen, Krankheiten und Behinderungen gesucht werden darf und welche als nicht lebenswert beurteilt werden dürfen.

Ethische Kernschmelze

Mit der Entwicklung der Fortpflanzungsmedizin zeichnet sich eine ethische Kernschmelze ab: Menschliches Leben ist nicht mehr ethischer Bezugspunkt für Entscheiden und Handeln, sondern gestaltbares Material. Es findet ein Paradigmenwechsel weg von Verantwortung und Freiheit hin zu Selbstherrlichkeit und Willkür statt.

Im Instrumentalisierungsverbot von menschlichem Leben stimmen die jüdisch-christliche Ethik und die säkulare Ethik der Menschenwürde überein. Ob theologisch mit dem Willen Gottes oder säkular mit der freiwilligen Selbstbegrenzung des Menschen begründet, garantiert es die Menschenwürde unabhängig von Eigenschaften und Fähigkeiten, die bedingungslosen Menschenrechte und ein für alle gültiges Völkerrecht. Dem gegenüber setzt das neue FMedG die Selektionslogik des Survival of the fittest durch, ermöglicht die Unterscheidung zwischen lebenswertem und nichtlebenswertem Leben und gefährdet damit die Solidarität mit den Schwachen.

 

Dieser Kommentar erschien zuerst in Bref Nr. 9/2016.

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