Bei ihm suchten Polizisten Rat
Von Jahr zu Jahr nimmt die Zahl der Pfarrpersonen zu, die über das offizielle Pensionsalter hinaus im Amt bleiben. Häufig gibt es keine Nachfolge für ihre Stelle, also machen sie einfach weiter.
Das wäre für Thomas Jenelten nicht in Frage gekommen. Im April wurde er 65 Jahre alt, da gab er seine Aufgaben ab. Er hatte zuletzt noch im Pflegezentrum in Baden AG gearbeitet und war als Polizeiseelsorger bei der Regional- und der Kantonspolizei Aargau. Jenelten sagt, er habe auf seine Intuition gehört, dass die Zeit für den Ruhestand reif sei und: «Ich hatte das Glück, dass es für beide Stellen eine gute Nachfolge gibt».
Denn ihm ist klar, was andernfalls geschehen wäre: «Es wären garantiert die Anfragen gekommen, ob ich noch ein Jahr weitermachen würde, und ich hätte mich wahrscheinlich erweichen lassen.» Nun sei er «komplett draussen». Das bedeutet auch: Nicht mehr einfach so erreichbar sein. Seinen Computer schaltet Jenelten nur alle paar Tage ein. Dann liest er die Mails, die er erhalten hat. «Ich geniesse es», sagt er, aber er müsse sich schon erst noch an die neuen Freiheiten gewöhnen.
Pionierarbeit geleistet
Der Exil-Walliser hat mit einem beherzten Schritt einen prallen Arbeitsalltag verlassen. Zehn Jahre hatte er im Pflegezentrum gearbeitet, dreizehneinhalb Jahre bei der Polizei – die Stelle als Seelsorger im Korps hat er aufgebaut. Dort war er komplett integriert. Er begleitete zukünftige Beamte in der Ausbildung, nahm an Anlässen teil, begleitete hin und wieder Dienste am Tag und in der Nacht, denn: «Schon als ich dort anfing, war mir klar, dass niemand zu mir kommen würde, nur weil man mich Polizeiseelsorger nennt.»
Aber weil sich Jenelten überall zeigte, ergaben sich niederschwellig Gespräche. Häufig hätten diese begonnen, indem die Beamtinnen oder Beamten sagten: «Wenn du gerade schon da bist…» Dann teilten sie ihre Sorgen oder suchten bei ihm Rat. Die Verbundenheit ist so gross, dass er auf die Liste der Pensionierten der Aargauer Kantonspolizei aufgenommen wurde – obwohl er immer von der Kirche angestellt war.
Auch wenn Jenelten bei der Polizei nicht zu Unfallstellen oder Tatorten gerufen wurde, weiss er, wie es dort aussieht und wie es sich anfühlt. Vor seiner Zeit bei der Polizei war er als Seelsorger der Feuerwehr Aarau im Einsatz. War etwas los, wurde auch er alarmiert. Diese «Fronterfahrung» habe ihm auch bei der Polizei geholfen.
Vor Burnout bewahren
Manche Polizeibeamte seien von Erlebnissen im Einsatz belastet gewesen, etwa wenn Kinder bei einem Unfall verletzt oder getötet worden seien. Ihnen leistete Jenelten Seelsorge. Häufig wendeten sich Vorgesetzte an ihn mit der Bitte, mit einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin zu sprechen. «Die Chefs hatten ein gutes Gespür dafür, wenn jemand gefährdet war, einen Burnout zu erleiden», erinnert er sich.
Das Thema hat Jenelten als Pfarrer und Seelsorger begleitet und das wird es auch nach der Pensionierung tun. Er sagt, Achtsamkeit sei eine wirkungsvolle Prophylaxe. Am eigenen Leib habe er es erfahren: «Ich bin gesund durch ein intensives Berufsleben gekommen.» Zwei Dinge hätten ihm dabei geholfen. Einerseits habe er sich nie gescheut, sich Hilfe durch Supervision zu suchen, wenn es bei der Arbeit Probleme gegeben hätte. Andererseits gab es immer den Weissenstein, an dessen Fuss er wohnt.
Am Abend geht Jenelten zügig die steilen Wege hinauf auf den Juragrat, damit sich die Erlebnisse des Tages setzen können. «Das ist meine Art, Distanz zum Alltag zu gewinnen», sagt er – Runterkommen durch Hinaufsteigen.
Chrampfen auf Bauernhof und Kurse für Neupensionierte
Künftig möchte er anderen zeigen, wie man zu mehr Achtsamkeit kommt. Ein Projekt gibt es schon: Auf dem Bauernhof seines Neffen im Zürcher Weinland zwischen Winterthur und Schaffhausen sollen Mitarbeitende von Banken oder Versicherungen mit den Händen arbeiten. Im Rebberg und auf dem Tabakfeld müsse man richtig anpacken. Jenelten hat bereits zweimal eine Woche mitgeholfen, um zu sehen, was er mit künftigen Kunden dort tun kann.
Damit nicht genug, der pensionierte Pfarrer hat noch eine weitere Idee: Kurse für Neupensionierte. «Ich finde den Schritt in die Pensionierung anspruchsvoll», meint er. Denn obschon es ihm leichtgefallen ist, einen Schlussstrich unter sein Berufsleben zu ziehen, sieht er, welche Herausforderungen auf ihn und viele andere warten: «Man braucht eine Tagesstruktur, man fragt sich als Pensionierter nach dem Sinn des Lebens und oft ist auch die Ernährung ein wichtiges Thema.» Wer meistens auswärts gegessen hat, braucht ein paar gute Rezepte, um in der eigenen Küche klarzukommen.
Jenelten schlägt den Fallstricken des Ruhestands jedenfalls ein Schnippchen: Er arbeitet einfach weiter und verfolgt seine Projekte. «Ich habe viele Ideen», sagt er, «manches läuft gut und anderes klappt nicht». Er nimmt es, wie es kommt. Und Jenelten weiss: Wenn er ihn braucht, steht hinter seinem Dorf immer der Weissenstein, steil und geduldig.