«Ich stand kurz vor dem kompletten Zusammenbruch»
Im vergangenen Herbst war plötzlich etwas nicht mehr in Ordnung. Ich war schon vor dem Sommer unruhig gewesen, hatte aber gehofft, dass die Ferien Erholung bringen. Doch danach war mein Programm wieder dicht gedrängt. Unsere Kirchgemeinde in Buchs (SG) ist unter anderem in ein neues Kirchgemeindehaus umgezogen. Ich wurde noch unruhiger, konnte nicht mehr schlafen, war appetitlos und oft traurig. Zudem bekam ich einen Tinnitus.
Als auch die Herbstferien keine Besserung brachten, begann ich auf Anraten meines Hausarztes eine psychotherapeutische Behandlung. Ende Oktober erlitt ich einen Hörsturz. Da wusste ich, dass ich die Notbremse ziehen muss. Ich erinnere mich gut an den Moment, als mein Psychotherapeut mir an einem Freitagnachmittag gesagt hat: «Sie stecken in einer mittelschweren Depression mit Tendenz zur Verschlechterung. Ich möchte, dass Sie sich überlegen, ob Sie in eine Klinik wollen.» Das kam für mich nicht ganz unerwartet und war einerseits entlastend. Andererseits war es ernüchternd zu merken, dass es mich wirklich schwer erwischt hat.
Die Gründe für diesen Zustand sind vielfältig und führen weiter zurück. Es kumulierten sich in meinem beruflichen Alltag Situationen, wo ich nicht genau wusste, was zu tun war oder wie das geht. Das neue Kirchgemeindehaus war so eine Herausforderung: Ich war Teil eines Teams, das ein Raumnutzungskonzept hätte erstellen sollen. Ich hatte keine Ahnung davon und wollte es immer allen recht machen. Das hat mich überfordert. Zusätzlich ging ein langjähriger Kollege, was zu Veränderungen im Team führte.
Das Fass zum Überlaufen brachte Corona. Die Kirche lebt von Veranstaltungen und plötzlich waren die mit so viel Aufwand, Planung und Ungewissheit verbunden. Als Team konnten wir zwar gut mit den Massnahmen umgehen und haben uns nicht deswegen gestritten. Wir haben viel Kreativität an den Tag gelegt, um die Menschen möglichst breit einladen zu können. Aber es hat sehr viel Kraft gekostet. Die Einführung der Zertifikate hat nochmals alles auf den Kopf gestellt. Wir hatten die Einweihung des Hauses mit zwei verschiedene Szenarien geplant – aber nicht mit der Zertifikatspflicht gerechnet. Das hat bei mir so viel Verunsicherung ausgelöst, ich war danach komplett erschöpft.
Das ist eine Schwierigkeit am Pfarramt: Zu unserem Kerngeschäft gehören Dinge, die wir in unserer Ausbildung nicht ausreichend gelernt haben, etwa die Organisation. Klar lernt man das «on the job», aber es nimmt recht viel Platz ein. Ich hatte manchmal das Gefühl, ich organisiere viel mehr als ich mich den Inhalten widme. Während der Pandemie hat sich das nochmals stark zugespitzt. Ausserdem werden Pfarrpersonen immer noch als Alleskönner wahrgenommen. Aber die Aufgabengebiete haben sich in den letzten Jahren verändert, so dass eigentlich mehr «Spezialisierung» nötig wäre.
Bei meiner Erkrankung hat auch der Bedeutungsverlust der Kirche in der Gesellschaft eine Rolle gespielt. Wir können mit unserem Kerngeschäft nicht mehr so viele Leute erreichen. Das spüren wir von den Menschen selbst, die plötzlich austreten, obwohl man sie vielleicht schon jahrelang begleitet hat. Und in den Medien schlagen uns Bilder von leeren Kirchbänken entgegen. Ich habe ab und zu Selbstzweifel deswegen und das setzt mir zu. Um dennoch nahe bei den Menschen zu sein, muss sich die Kirche immer wieder neu erfinden. Das ist eine sehr anspruchsvolle, manchmal überfordernde Aufgabe.
An jenem Freitagabend, nachdem mein Psychotherapeut mir die Diagnose mitgeteilt hatte, sprach ich mit meiner Frau. Innert fünf Minuten war klar, dass es keine Alternative gibt. Ich konnte mich nicht selbst aus der Abwärtsspirale rausziehen. Ich bekam kurzfristig einen Platz in einer Akutklinik. Innerhalb von zwei Wochen habe ich bei der Arbeit alles organisiert und aufgegleist, dafür hat meine Kraft noch gereicht. Und mein Pfarrkollege hat mich sehr einfühlsam und kompetent darin unterstützt. Ich glaube, ich habe frühzeitig die Handbremse gezogen. Aber ich stand nah vor einem kompletten Zusammenbruch. Mein Körper hat mir das gezeigt.
Der Abschied vor dem Eintritt in die Klinik fiel mir schwer. Aber die Klinik ist relativ nah von meinem Wohnort, deshalb konnte ich am Wochenende jeweils nach Hause. Das war sehr wichtig für mich und meine Familie. Im Vorhinein hatte ich entschieden, dass ich mich in der Klinik nicht dem Seelsorger anvertraue. Ich kannte ihn, und es schien mir eine zu nahe Verbindung zu meinem beruflichen Umfeld. Aber als ich in der Klinik ankam, war ausgerechnet er die zweite Person, die mir begegnete. Ich fiel ihm gleich um den Hals und war so dankbar, dass er für mich da war. Er ist für mich zu einer zentralen Person in der Begleitung geworden.
In der ersten Woche bin ich einfach angekommen in der Klink, ab der zweiten Woche ging es los mit dem Programm. Man hat mir einen Wochenplan zusammengesellt mit psychotherapeutischer Begleitung, Kunsttherapie, Sport, Achtsamkeitsübungen, Seelsorgegesprächen und Arbeit in der Holzwerkstatt. Ich habe mich schnell wohlgefühlt und ich habe rasant besser geschlafen.
Geholfen hat auch der Ratschlag meines Psychotherapeuten, als Egoist in die Klinik zu gehen. Ich habe mir das zu Herzen genommen und möglichst viel für mich getan. Ich hatte keine Verantwortung mehr, musste mich um nichts mehr kümmern – alles wurde mir in der Klinik abgenommen. Und auch mein Team in der Kirchgemeinde hatte mir das Gefühl gegeben, dass ich gehen kann. Mein schlechtes Gewissen konnte ich auf die Seite legen. Das war eine spürbare Entlastung.
Sehr schnell ging es aufwärts. Ich habe mich besser kennengelernt, wie ich funktioniere. So wollte ich es seit meiner Kindheit allen recht machen. Das habe ich auf meinen Beruf übertragen und das hat mich krank gemacht. Heute gehe ich gelassener damit um, dass nicht alles perfekt sein kann.
Nach neun Wochen spürte ich eines Morgens, ich bin so weit, nach Hause zurückzukehren. Ich stieg zwei Wochen nach meiner Heimkehr zu 50 Prozent wieder in den Beruf ein. Zunächst noch ohne Termine. Mir wurde keinerlei Druck aufgesetzt, weder vom Team noch von der Kantonalkirche. Seit September arbeite ich wieder Vollzeit. Die Energie ist zurück. Ich merke auch, dass ich mich sehr wohlfühle in meinem Beruf. Erst kürzlich musste ich spontan für einen Kollegen am Wochenende einspringen und hatte am nächsten Tag noch zwei Beerdigungen. Das war anstrengend, aber das hat mir nichts ausgemacht. Denn das kann ich und ich fühle mich sicher – und es macht mir auch Spass.
Im direkten Kontakt mit den Menschen spüre ich immer wieder, dass sie meine Begleitung wertschätzen. Meine Offenheit kommt gut an, ich habe aus meiner Erkrankung nie ein Geheimnis gemacht. Auch bei der Arbeit ist mir das Gespräch mit Arbeitskollegen und in der Supervision sehr wichtig. Ich möchte meine Freuden und Leiden teilen, das empfinde ich als sehr befreiend. Und vor allem will ich die Freude an dem wunderbaren Beruf behalten.