«Pflegende Angehörige müssen unbedingt mehr entlastet werden»

Alexander von der Marwitz hat über 30 Jahre lang ein Diakonisches Werk in Deutschland geleitet. Wie eine moderne ambulante Betreuung aussieht und warum es in der Schweiz mehr Angebote für betreuende Angehörige braucht, erzählt er im Interview.

Wenn ältere Menschen Betreuung benötigen, können viele Dienste die Angehörigen entlasten. Wie hier ein Alarmknopf, mit dem Hilfe angefordert werden kann. (Symbolbild: Keystone)

Alexander von der Marwitz sitzt in seinem Büro im frisch renovierten Anbau der Lukas-Kirche, die sich gleich neben dem Luzerner Bahnhof befindet. Seit fast vier Jahren ist der 65-jährige Allgäuer in der Reformierten Kirchgemeinde Luzern zuständig für die «innere und äussere Stärkung». Es sei ein Projekt, das der grossen Gemeinde neue Impulse geben soll. Ausserdem sei es «ein Beitrag gegen das Rausrieseln unserer Mitglieder», wie er sagt.

Vor seiner Tätigkeit in Luzern leitete er über 30 Jahre lang ein Diakonisches Werk im Allgäu, einer Region mit gut 200’000 Einwohnern in Süddeutschland. Was als Verein mit zwei Mitarbeitenden begann, baute von der Marwitz sukzessive zu einem landesweit beachteten Projekt mit über 200 hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden aus.

Im Fokus seiner Arbeit stand die Unterstützung von Menschen, die hilfebedürftige Angehörige versorgten: Ob Eltern, die sich um ein psychisch krankes Kind kümmerten, oder Kinder, die ihre hochbetagten Eltern pflegten. Ihnen standen verschiedene Dienstleistungen zur Verfügung, die sie bei der Betreuung entlasten sollten. Ziel war es, dass die zu Betreuenden möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld bleiben konnten.

Von der Marwitz ist überzeugt, dass andere Länder einiges von diesem Betreuungskonzept abschauen können. Auch wenn jedes Land seine eigene Kultur habe und darauf abgestimmte Konzepte brauche. Seine langjährigen Erfahrungen könnten aber vielleicht den einen oder anderen zum Nachdenken anregen.

Herr von der Marwitz, Sie haben grosse Erfahrung beim Thema ambulante Betreuung und Versorgung. Dabei geht es nicht nur, aber auch um Menschen höheren Alters. Wie möchten Sie selbst Ihren Lebensabend verbringen?
Ganz normal. In meiner gewohnten Umgebung. In meinem Stadtteil, meiner Nachbarschaft, bei meiner Frau, im Umkreis meiner Freunde. Gut und lebenswert alt werden bedeutet für mich, dass ich so lange wie möglich meinen Rhythmus und meine Gewohnheiten beibehalten kann. Ich wünsche mir kein Zimmerchen irgendwo in einem Heim. Auch wenn der Ausblick auf die Rigi noch so schön sein sollte. Ich möchte gerne aufstehen und essen, wann und wo ich will, und selbstbestimmt meinen Alltag gestalten können.

Warum ist Ihnen diese gewohnte Umgebung so wichtig?
Unsere Beziehungen, die wir ein Leben lang pflegen, spielen fürs Glücklichsein eine wichtige Rolle. Das können Nachbarn und Freunde in der Nähe sein, auch der Türke im Imbiss, der mich mit Namen begrüsst, wenn ich meinen Döner Kebab esse. Oder vertraute Wege zum Bäcker, Coop oder Markt, mit anschliessendem Kaffee. Sich selber versorgen bedeutet Lebensqualität, vor allem, wenn man gerne kocht.

Ist die Schweiz ein guter Ort, um auf diese Weise alt zu werden?
Er ist kein schlechter. Aber einiges könnte angepackt werden, damit er noch besser wird. Bei der Pflege ist die Schweiz mit der Pflegeversicherung gut gerüstet. Bei der Betreuung wird es aber schnell eng, vor allem, wenn sie langfristig gesichert werden muss. So stellt sich zum Beispiel die Frage, was ein allein lebender Mensch nach einem schweren Autounfall macht oder wenn eine chronische psychische Erkrankung ihn aus allen Sicherungen wirft? Oder ob eine schwere Grippe im Alter bereits Auslöser für eine Heimunterbringung sein muss?

 

«Möge mir mal jemand erklären, wo genau Pflege bei einem Menschen mit Orientierungsproblemen, mit Angststörungen oder mit einer seelischen Erkrankung aufhört und Betreuung anfängt.»

 

Wo liegt das Problem?
Man muss oft zu früh in ein teures Heim, weil gesicherte ambulante Versorgungsnetze entweder fehlen oder zusammengestückelt werden müssen. Es ist ein Kunststück, mehrere Dienste unterschiedlicher Träger so zu organisieren, dass es sieben Tage die Woche klappt, auch in Ferienzeiten oder über Feiertage. Es gibt zwar viel Hilfsbereitschaft, aber die kommt schnell an Grenzen. Zudem haben Betroffene nicht selten das Gefühl, für jeden Handgriff Danke sagen und sich revanchieren zu müssen. Bezahlung wäre da manchmal einfacher. Heimversorgung wiederum kann auch Überversorgung sein, die bezahlt werden muss, obwohl ich viele Leistungen noch nicht brauche oder sie gar nicht will.

Sie haben während 30 Jahren ein Diakonisches Werk im deutschen Memmingen geleitet. Wie sah die Betreuung dort aus?
Das System entsprach einer Art Dienstleistungs-Werkzeugkasten. Angehörige und alle Menschen mit Betreuungsbedarf konnten sich nehmen, was sie brauchten, Teile aber auch einfach wieder zurücklegen.

Welche Angebote gab es dort?
Zum Beispiel Putzdienste, Einkaufsservice, Hilfspakete nach einem Krankenhaus-Aufenthalt, Nachtpflege, Kurzzeitpflege, Begleitung zum Arzt oder zum Kaffeekränzchen, Beratung von pflegenden Angehörigen, niederschwellige Wohnangebote und ganz wichtig: Sterbebegleitung zu Hause, eingebettet in das Versorgungsnetz. Diese Dienstleistungen waren Bausteine, die alle aus einer Hand kamen. So konnte schnell und gezielt genau das angeboten werden, was gerade nötig war. Das sparte Zeit, Kraft und viel Geld. Auch weil Betreuungsbedarf sich von einem Tag auf den anderen ändern kann.

Wie wurde das Ganze finanziert?
Über die Pflegeversicherung und durch an das Einkommen angepasste Eigenleistungen. Mittlerweile ist das in Deutschland solide gelöst, denn diese Versicherung übernimmt auch recht umfassend Betreuungskosten. Möge mir mal jemand erklären, wo genau Pflege bei einem Menschen mit Orientierungsproblemen, mit Angststörungen oder mit einer seelischen Erkrankung aufhört und Betreuung anfängt. Es gibt so viele gleitende Übergänge. Gerade bei solchen Menschen war es uns wichtig, dass sie möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung bleiben konnten. Verlieren sie nämlich ihre bekannten Bezugspunkte, kann sich ihr Zustand verschlimmern. Damit erhöht sich auch der notwendige Versorgungsaufwand teils drastisch.

Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, Pflege und Betreuung unter einem Dach zu vereinen?
Mein Vater war Pfarrer in einem kleinen Dorf. Menschen wurden dort zuhause versorgt, wenn sie es brauchten, also wenn sie altersschwach oder krank oder behindert waren. Die heutige Trennung von Pflege und Betreuung gab es nicht. Es ging schlicht um Versorgung, und wenn es schwierig wurde, gab es die Nachbarschaftshilfe oder die Diakonieschwester. Das funktionierte ganz gut so.

 

«Viele befinden sich auch in einer Sandwich-Situation. Sie kümmern sich zum Beispiel um ihre Kinder und gleichzeitig noch um ihre Eltern. Solche Doppelbelastungen führen fast immer zum Kollaps.»

 

Sie sagten, dass Sie auch Wohnungen vermieteten. Wie sah dieses Angebot aus?
Insgesamt verfügte unser Diakonisches Werk über 70 preiswerte Wohnungen. Wir haben früh die Zusammenarbeit mit Wohnbaugenossenschaften gesucht, die für uns Wohnungen rund um unsere Einrichtungen zur Verfügung gestellt haben. Darüber hinaus haben wir selbst Wohnungen gekauft oder angemietet. Alle unsere Klienten konnten einen Notruf-Piepser mieten. Ein kleines Gerät, das ihnen viel Sicherheit vermittelte. Sie wussten, dass sie jederzeit auf den Alarmknopf drücken können. Dann kommt nicht irgendeine fremde Ambulanz, sondern jemand von der vertrauten Diakonie.

Das klingt nach einer Alterssiedlung, wie es sie in der Schweiz auch gibt. Was ist der Unterschied?
Entscheidend sind die vielen gebündelten und koordinierten Dienstleistungsangebote, die abgerufen werden können. Der «Werkzeugkasten» muss reich bestückt und für die unterschiedlichsten Lebenssituationen gerüstet sein. Nicht alle Menschen wollen in reinen Alterssiedlungen leben. Ich möchte zum Beispiel ein nahegelegenes Studentenwohnheim nicht missen und wenn ringsum auch noch Familien mit Kindern wohnen, fühle ich mich richtig wohl.

Die zu Betreuenden sind das eine, deren Familien das andere. Welche Erfahrungen haben Sie mit pflegenden Angehörigen gemacht?
Für Angehörige waren unsere Angebote eine enorme Entlastung. Wissen Sie, man kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, einen Menschen rund um die Uhr betreuen zu müssen. Wie belastend das ist. Deshalb standen für die Angehörigen eine eigene Sozialarbeiterin und eine Seelsorgerin zur Verfügung, die sich ihrer annahmen. Vielen ging es einfach darum, mal Zeit nur für sich zu haben. Mal Ferien planen zu können, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Dass es in der Schweiz gerade für versorgende Angehörige nicht mehr Angebote gibt, darüber bin ich erstaunt.

Warum?
Weil sich diese Menschen weit über ihre Kräfte einsetzen. Viele befinden sich auch in einer Sandwich-Situation. Sie kümmern sich zum Beispiel um ihre Kinder und gleichzeitig noch um ihre Eltern. Solche Doppelbelastungen führen fast immer zum Kollaps. Das ist nicht nur ein Problem für die Betroffenen, sondern verursacht auch immense Folgekosten für das gesamte Gesundheitssystem. Deshalb sollten alle Interesse daran haben, dass Angehörige, die jemanden intensiv versorgen, spürbar entlastet werden.

In Ihrem Werk wurde diese Betreuung bezahlt?
Nicht von Anfang an. Zu Beginn in den 80ern mussten wir selber massiv investieren. Dazu haben wir Stiftungen und Fördervereine gegründet – so hatten wir die notwendigen Eigenmittel. Dann wurde aber Mitte der 90er-Jahre die Betreuung von Angehörigen in das Pflegeversicherungsgesetz mitaufgenommen. Das Ganze wurde also bundesweit geregelt.

Welche Herausforderungen gab es beim Betreuen von Angehörigen?
Angehörige meinen es in der Regel verdammt gut. Oft vergessen sie aber, dass auch ältere oder kranke Menschen Strategien entwickelt haben, wie sie im Alltag zurechtkommen. Dabei muss nicht immer alles perfekt sein oder so, wie es die Angehörigen manchmal gerne möchten. Oder wie ich sage: Die schönsten Gärten sind doch die, die ein bisschen verwildert sind. Eine gute Basis ist Vertrauen. Man lässt Menschen mit mehr oder weniger Versorgungsbedarf erst mal machen. Die holen sich dann schon Hilfe, wenn sie welche brauchen, und finden manchmal überraschende Lösungen. Wichtig ist, dass sie selbst die Entscheidung getroffen haben.

 

«Gemeinsam könnten wir zum Beispiel ein Hospiz aufbauen, also ein Gästehaus auf unserer letzten Reise. Ein kleines Paradies, als Zeichen der Hoffnung auf das grosse.»

 

Sie konnten dank Ihrer ambulanten Palliativversorgung die Menschen bis zuletzt zu Hause begleiten. Wie sah diese Betreuung aus?
Die ambulante Palliativ-Versorgung war sieben Tage die Woche rund um die Uhr verfügbar. Wir konnten zu Hause beim Sterbenden eine Versorgung auf dem Niveau einer Intensivstation eines Krankenhauses einrichten. Jederzeit konnte eine Pflegeperson mit spezieller Palliativausbildung gerufen werden. Kam diese an ihre Grenzen, standen qualifizierte Ärzte und Ärztinnen zur Verfügung. Selbstverständlich wurde das ganze Netzwerk des Sterbenden miteinbezogen. Das entlastet, gibt Sicherheit und Vertrauen. So kann wirklich Abschied genommen werden. Wir durften diesen Dienst auch in der eigenen Familie erleben, beim Tod eines Schwagers.

Wenn es ums Sterben geht, ist es besonders heikel über, Geld zu sprechen. Trotzdem: Das klingt kostenintensiv.
Das war es auch. Aber immer noch günstiger, als wenn jemand vier Wochen rund um die Uhr zum Sterben auf einer Intensivstation liegt und dort auf rund vier Quadratmetern inmitten einer beängstigenden, sterilen Technik versorgt werden muss. Bei uns mussten die Palliativschwestern oder der Arzt nur dann einspringen, wenn es die Angehörigen brauchten. Dann aber auch mitten in der Nacht oder wann immer es nötig war. Für diesen Dienst mussten übrigens nie Mitarbeiter gesucht werden – es gab eine lange Warteliste. Auch die Finanzierung war kein Problem. Wir bekamen nicht selten sehr hohe Spenden dafür.

Sie selbst haben sich vor einigen Jahren für eine Tagesbetreuung im Kanton Obwalden stark gemacht. Auslöser war die Demenzdiagnose eines guten Freundes von Ihnen, der gerne zu Hause geblieben wäre, anstatt in ein Pflegeheim zu gehen. Das Projekt scheiterte jedoch. Warum?
Es fehlte das Geld. Wir hatten ein pfannenfertiges Konzept ausgearbeitet. Vier Jahre lang haben wir dafür geweibelt. Vergebens. Niemand hatte den Mut, mit Eigenmitteln in Vorleistung zu gehen. Alle Träger verwiesen auf den Kanton. Wir haben den Verein dann aufgelöst und unser Konzept dem Roten Kreuz und Pro Senectute übergeben. Vielleicht gelingt ein zweiter Anlauf.

Blicken wir zum Schluss in die Zukunft: Wie soll es Ihrer Meinung nach in der Altersbetreuung weitergehen?
Es gibt in Europa hervorragende Konzepte, wie Betreuung im Alter und bei Krankheit aussehen kann. Ein Blick über den Tellerrand würde sich lohnen. Dann könnte man auswählen, was zur eigenen Kultur hier in der Schweiz am besten passt.

Welche Rolle könnten die Schweizer Kirchen dabei spielen?
Ich stelle mir kleine Modellprojekte vor, die wir nicht nur fördern, sondern vielleicht wieder selber verantworten könnten. Es ist ein grosser Unterschied, ob man da oder dort teilweise grosszügig Geld gibt oder selber in die Verantwortung geht. Gemeinsam könnten wir zum Beispiel ein Hospiz aufbauen, also ein Gästehaus auf unserer letzten Reise. Ein kleines Paradies, als Zeichen der Hoffnung auf das grosse.

 

 

 

Zur Person:
Alexander von der Marwitz hat Gemeinwesenarbeit und Gerontologie studiert. Nach 32 Jahren als Leiter eines Diakonischen Werks engagiert er sich seit 2017 für der Reformierte Kirchgemeinde Luzern.