«Ein Kurator arbeitet auf seine eigene Abschaffung hin»

Wenn Kirchenpflegen nicht mehr beschlussfähig sind, setzt die jeweilige Landeskirche an ihrer Stelle meist einen sogenannten Kurator ein. Welche Aufgaben er hat, wie sehr er sich in Konfliktsituationen einmischen darf und was ihm selbst dabei den Schlaf geraubt hat, erzählt Markus Fricker, seit 2017 Kurator im aargauischen Frick.

Markus Fricker verwaltet seit Frühling 2017 die aargauische Kirchgemeinde Frick. (Bild: zVg)

Herr Fricker, wie sieht für Sie ein typischer Arbeitstag aus?
So etwas wie einen typischen Arbeitstag gibt es für mich nicht. Die Arbeit hängt stark davon ab, was die Kirchgemeinde gerade braucht. Im Übrigen ist das auch von Kuratorium zu Kuratorium sehr unterschiedlich. Gibt es in der Gemeinde beispielsweise Streit, fallen andere Aufgaben an, als wenn es lediglich darum geht, neue Mitglieder für die Kirchenpflege zu finden.

In der Kirchgemeinde Frick, die Sie aktuell betreuen, gab es einen Konflikt zwischen einem der Pfarrer und der Kirchenpflege. Nach dem Rücktritt der Präsidentin wurde die Behörde zudem beschlussunfähig. Was haben Sie da als Erstes gemacht?
Zunächst ging es darum, mir ein Bild der Situation zu verschaffen und den Betrieb aufrecht zu erhalten: Rechnungen mussten bezahlt und gewisse bauliche Projekte abgewickelt werden. Da die zweite Pfarrperson in der Gemeinde erkrankt war, mussten wir Stellvertretungen organisieren und beispielsweise sicherstellen, dass der kirchliche Unterricht weiter stattfinden konnte.

Sie sagen «wir» – führen Sie die Gemeinde als Kurator nicht alleine?
Normalerweise übernimmt der Kurator die Leitung, das stimmt. Allerdings schaut man immer mit den verbliebenen Kirchenpflegern, ob noch jemand eine Aufgabe übernehmen kann und will. In Frick ist das im Bereich Finanzen der Fall. Ich möchte aber betonen: Als Kurator kann ich sowieso nie Erfolg haben, wenn ich isoliert vor mich hinarbeite. Ich muss auf die Leute zugehen, mit Ihnen reden und vor allem zuhören. Das ist umso wichtiger in einer Konfliktsituation.

… die es ja gab in Frick.
Genau. Neben dem Operativen war das denn auch meine zweite Aufgabe: Den Konflikt klären. Das hat vor allem im ersten Jahr des Kuratoriums sehr viel Zeit in Anspruch genommen.

Sie haben sich im Rahmen dieser Klärung sehr deutlich gegen die Wiederwahl des amtierenden Pfarrers ausgesprochen. Darf ein Kurator sich so einmischen?
Ich bin sogar der Meinung: Er muss – im Interesse der Kirchgemeinde.

Ich habe einige Nächte nicht sehr gut geschlafen. Dennoch würde ich es heute wieder gleich machen.

Aber Sie werden die Kirchgemeinde relativ bald wieder verlassen. Die Konsequenz einer solchen Empfehlung müssen Sie nur bedingt mittragen.
Das stimmt, und doch bin ich der Meinung, dass es die Aufgabe des Kurators ist, den Weg für die Zukunft zu ebnen. Dazu gehört auch, die Personalsituation in den Blick zu nehmen. Natürlich nicht so, wie ich gerade lustig bin, ohne Rücksicht auf das, was danach kommt. Sondern mit vielen Gesprächen und dem Ermöglichen von Aussprachen innerhalb der Gemeinde. Ich glaube, dass dieser Prozess in Frick sehr transparent und fair abgelaufen ist. Auch der betroffene Pfarrer hatte immer die Möglichkeit, sich zu äussern.

Wie war es für Sie persönlich, so in den Konflikt einzugreifen?
Sagen wir es so: Ich habe einige Nächte nicht sehr gut geschlafen. Dennoch würde ich es heute wieder gleich machen.

Wie ist die Situation in Frick aktuell?
Der Pfarrer wurde bei den Gesamterneuerungswahlen im vergangenen Herbst nicht wiedergewählt. Auf Wunsch einiger Eltern habe ich aber zugestimmt, dass er diesen Frühling noch die Konfirmation durchführt. Ich glaube, damit haben wir einen guten Abschluss gefunden. Jetzt geht es darum, neue Mitglieder für die Kirchenpflege zu finden. Ich habe mit einigen Personen intensive Gespräche geführt; nun hoffe ich, dass sie sich für eine Mitarbeit im Gremium entscheiden und dann im November von der Gemeinde gewählt werden.

Damit wäre Ihre Aufgabe erledigt?
Ich werde die neuen Kirchenpfleger noch soweit unterstützen, dass sie ihre Aufgaben gut übernehmen können – dass sie klären können, wie sie zusammenarbeiten wollen und wie Frick insgesamt Gemeinde sein will. Aber danach ziehe ich mich zurück. Als Kurator arbeite ich schlussendlich immer auf meine eigene Abschaffung hin.

Welche Fähigkeiten braucht denn ein Kurator, damit das gelingt?
Zum einen Stehvermögen – die Leute begegnen einem anfangs schon mit einer gewissen Skepsis. Ausserdem muss man dranbleiben können, denn so ein Kuratorium kann auch mal zwei oder drei Jahre dauern – siehe Frick. Auf der anderen Seite braucht ein Kurator aber auch ein Verständnis dafür, wie Kirche funktioniert und wie die Menschen in einer Kirchgemeinde ticken. Er muss sich auf die Gemeinde einlassen, immer im Bewusstsein, dass er wieder geht. Ein Manager ohne Bezug zur Kirche, das würde nicht funktionieren.

Und was sollte er auf keinen Fall tun?
Schwierig wäre, wenn er sich im Konfliktfall zur Partei machen würde. Wenn er mit den einen hinten herum ein Päckli schnüren würde, während er sich vorne herum ganz offen gibt. Oder wenn er – im schlimmsten Fall – sogar über andere herziehen würde. Transparente und ehrliche Kommunikation ist in solchen Situationen sehr wichtig.

Oftmals sind in Kirchenpflegen Kompetenzen nicht richtig geregelt und es ist unklar, wer welche Aufgaben übernimmt. Das führt schnell zu Enttäuschungen.

Kirchgemeinden geraten immer wieder mit internen Streitereien und Konflikten in die Schlagzeilen. Warum passiert das gerade im Kirchenkontext so häufig?
Das ist eine sehr gute Frage. Vielleicht liegt es daran, dass es eben nicht einfach um reine Verwaltungstätigkeiten geht, sondern immer um tiefgehende Glaubenshaltungen und Weltanschauungen. Hinzu kommt, dass Kirchenpflegen Laiengremien sind. Die Mitglieder wollen es besonders gut machen – schliesslich geht es ja um einen Dienst an einer guten Sache –, sind aber gleichzeitig überfordert, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Verschlimmert wird das dadurch, dass oftmals Kompetenzen nicht richtig geregelt sind und unklar ist, wer welche Aufgaben übernimmt. Das führt schnell zu Enttäuschungen.

Wie liesse sich verhindern, dass in solchen Situationen gleich ein Kurator eingesetzt werden muss? Das ist ja eigentlich die ultima ratio.
Die Kirchenpflegen bräuchten mehr Begleitung. Nun werden Sie entgegnen: «Klar, dass Sie als Berater das sagen.» Und doch bin ich überzeugt, dass es hier einen grossen Bedarf gibt.

Sehen Sie hier auch die Landeskirchen in der Pflicht?
Sie sollten zumindest ein Interesse daran haben, dass die Kirchenpflegen mit Konfliktsituationen gut umgehen können. Ein Kuratorium kostet zudem auch Geld: Im Kanton Aargau beträgt der Stundensatz für alle Kuratoren 150 Franken. Ich selber arbeite durchschnittlich 20 Prozent und in Spitzenzeiten bis zu 50 Prozent für die Kirchgemeinde Frick. Auf der anderen Seite muss man aber auch festhalten, dass die Landeskirchen nur Beratungsangebote schaffen können; sie in Anspruch nehmen muss die Gemeinde schon selber.