Erinnerungen an einen schweizweit bekannten Pfarrer
Vor fünf Jahren am Pfingstsamstag, dem 19. Mai 2018, ist der reformierte Zürcher Pfarrer Ernst Sieber im Alter von 91 Jahren gestorben. Sieber wurde erst auf dem zweiten Bildungsweg Theologe: Er besuchte eine Landwirtschaftsschule, holte die Matura nach und wurde 1956 als Pfarrer ordiniert. Bis 1967 war er Pfarrer in Uitikon-Waldegg am Üetliberg. Danach blieb er bis zu seiner Pensionierung Pfarrer in Zürich-Altstetten.
Als es 1963 so kalt war, dass der Zürichsee zufror, richtete Sieber in einem Bunker am Helvetiaplatz, mitten im Zürcher Arbeiterquartier, eine Anlaufstelle für Obdachlose ein. Er gründete verschiedene Arbeits- und Wohnstätten für Randständige, die in den Sozialwerken Pfarrer Sieber zusammengefasst wurden. Sieber leitete die Stiftung lange Jahre selbst, aktuell ist die Theologin Friederike Rass die Geschäftsführerin. Jahrzehntelang organisierte er in einem Zürcher Luxushotel ein Weihnachtsessen für die Menschen von der Strasse. Die Stadt Zürich verlieh ihm für sein Engagement 2013 das Staatssiegel, eine silberne Plakette mit den Stadtheiligen.
Grosse Bekanntheit erlangte Sieber auch, weil er sich während der Zürcher Jugendunruhen in den 1980er-Jahren für eine Befriedung einsetzte. An einer Demonstration stellte er sich mit einem Esel zwischen Jugendliche und Polizei und trug so zu einer Deeskalation bei. Weiter unterstützte er Drogensüchtige auf dem Platzspitz und leistete dort nicht nur seelsorgerliche, sondern auch medizinische Hilfe. Von 1991 an politisierte er vier Jahre in Bern, er sass für die EVP im Nationalrat. Zudem war er Sprecher des «Wort zum Sonntag». (jow)