Im Mai vergangenen Jahres ermordete ein Attentäter im jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen. Rund ein halbes Jahr später, einen Tag nach dem Attentat gegen «Charlie Hébdo» mit zwölf Todesopfern, brachte ein Geiselnehmer in einem jüdischen Supermarkt in Paris gezielt vier jüdische Männer um. In einem später veröffentlichten Video gab der Mörder bekannt, er habe den Supermarkt «wegen der Juden» ausgesucht. Und nachdem in Kopenhagen am letzten Samstagabend ein Attentäter das Feuer auf ein Kulturzentrum eröffnete und dabei einen Besucher erschoss, begab er sich umgehend vor die Haupt-Synagoge in der dänischen Hauptstadt und ermordete dort einen jüdischen Sicherheitsmann.
«Wegen der Juden…»
Diese drei Anschläge gehören zusammen. In den Solidaritätsaktionen nach den «Je suis Charlie»-Attentaten ging etwas vergessen, was die drei Verbrechen verbindet: Dreimal wurden innerhalb der letzten neun Monate nicht nur jüdische Einrichtungen ins Visier genommen, sondern auch gezielt jüdische Menschen ermordet. Siebzig Jahre nach der Befreiung der Nazi-Konzentrationslager geht es erneut gegen «die Juden». Es ist im Dreitakt der aufgezählten Anschläge ein Tabubruch im Gang, der leicht zu einem gefährlichen Dammbruch werden könnte.
Besorgnis teilen
Wie gehen unsere jüdischen Mitbürger hierzulande mit dieser latenten Bedrohung um? Wie ist die Stimmungslage in den jüdischen Gemeinden? Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die Plattform der Liberalen Juden der Schweiz haben sich letzten Montag über die Anschläge in Dänemark «zutiefst bestürzt» gezeigt und darauf hingewiesen, dass «wieder bewusst Juden und Leute . . ., die ihre Meinung frei äussern wollten», angegriffen worden seien. Und sie zeigen sich «angesichts der in Europa in letzter Zeit massiv angestiegenen» Zahl von «antisemitisch motivierten Gewalttaten und Drohungen» besorgt um die Sicherheit der Juden in der Schweiz. Wir sollten als reformierte Kirchen diese Besorgnis teilen. Warum? Darum: Der just letzte Woche vom Eidgenössischen Departement des Innern veröffentlichte Bericht «über rassistische und diskriminierende Tendenzen» in der Schweiz stellt unter anderem fest, dass in unserem Land die Judenfeindlichkeit stabil auf einem Sockel «von rund zehn Prozent systematisch antisemitischer Einstellungen» verharre. Aber eigentlich ist in unserem Land ja schon nur ein einziger judenfeindlicher Dumpfsack oder Schreihals einer zu viel. Und wenn sich in eidgenössischen Umfragen eine von zehn befragten Personen zum Antisemitismus bekennt, ist das erschreckend und bedenklich.
Bedenklich wegen der wohl viel höheren Dunkelziffer. Und erschreckend, weil die Erfahrung in unserem nördlichen Nachbarland zeigt, wie schnell auch im Geburtsland der Reformation und in einer der Hochburgen der Aufklärung die Stimmung kippen und die Judenfeindlichkeit Oberwasser gewinnen konnte – bis zu fürchterlichsten Konsequenzen. «Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen», lautet das Diktum von Dietrich Bonhoeffer, das aus den Predigerseminaren stammt, die der deutsche Theologe ab 1935 in Pommern für die «Bekennende Kirche» hielt. Nach der Entrechtung der Juden durch die Nürnberger Rassengesetze schlug er damit den Bogen von christlicher Kirchenpraxis zu unbedingter Parteinahme gegen Judenfeindlichkeit in allen Formen und zu unbedingter Parteinahme für alle als recht- und heimatlos erklärten Menschen – zu denen im übrigen heute auch die Palästinenser gehören. Es stellt sich gewiss die Frage, wann für uns auch unter Berücksichtigung schweizerischer Bedächtigkeit und reformierter Besonnenheit der Zeitpunkt kommen wird, Bonhoeffers Diktum in die Tat umzusetzen.
Kippa aufsetzen?
Wenn es heute Attentäter auf europäischem Boden wiederholt auf Juden abgesehen haben, wenn Juden ganz gezielt als Anschlagsopfer ausgesondert werden, wenn der israelische Premier die Juden zum Massenexodus auffordert und wenn sich auch hierzulande unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ihres Lebens nicht mehr sicher fühlen sollten – dann wird es für evangelische Gläubige wohl langsam Zeit, sich in hellen Scharen solidarisch die Kippa aufzusetzen. Geschrien wird später, geschwiegen wird nie mehr.
Mark Wiedmer ist Chefredaktor der «Reformierten Presse». Zuvor war er Pressesprecher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements EJPD und Informationschef der Strafverfolgungsbehörden des Bundes. Von 2008 bis 2011 arbeitete er als Kommunikationsbeauftragter der Stiftung Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber.
Dieser Artikel stammt aus der Reformierten Presse vom 20. Februar 2015.