Reformierte Kommunikation: Von den Katholiken lernen?

Letzte Woche berichteten verschiedene Medien, dem Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz sei überraschend gekündigt worden. Gleich anschliessend meldete die Sonntagspresse, der Priester von Bürglen UR müsse wegen der Segnung eines lesbischen Paares sein Pfarramt räumen. Ein «Lehrblätz» kirchlicher Krisenkommunikation auch für uns Reformierte. Eine Analyse von Mark Wiedmer, Chefredaktor der «Reformierten Presse».

(Bild: RP)

Manchmal geht es auch in der kirchlichen Krisenkommunikation buchstäblich Knall auf Fall. Kaum war bekanntgeworden, dass sich die Bischofskonferenz von ihrem ungeliebten, weil unbequemen Informationsbeauftragten, dem Journalisten und Theologen Simon Spengler, trenne – und noch bevor das laute Protestgetöse verhallt war, mit dem Ex-SonntagsBlick-Chefredaktor Werner de Schepper und Kommunikationsexperte Othmar Bäriswyl deswegen aus der bischöflichen Medienkommission zurücktraten –, stellte sich gleich eine Kommunikationskrise mittleren Grades ein. Nämlich mit dem «Njet» von Bischof Vitus Huonder zum weiteren Wirken des Priesters in Bürglen UR. Die öffentliche Meinung brandete mit breiter Medienbeachtung auf und wandte sich sofort gegen die Kirchenoberen.

Was das katholische Kommunikations-Spektakel mit den Reformierten zu tun hat

Die Welle der Empörung in der Urner Gemeinde und weit darüber hinaus konnte mit der ungelenken Krisenkommunikation von Bistumsprecher Giuseppe Gracia kaum entschärft werden, denn dieser hatte von Anfang an verlorenes Spiel: Dem griffigen Zitat des Bürgler Pfarrers zur Segnung des Lesbenpaars – «Heutzutage werden Tiere, Autos und sogar Waffen gesegnet. Warum soll man nicht auch ein Paar segnen, das seinen Weg gemeinsam mit Gott gehen möchte?» – konnte Gracia nur den Verweis auf die bischöfliche Verantwortung gegenüber dem angeblichen «Ärgernis» entgegensetzen, welches geeignet sei, «die kirchliche Lehre über Ehe und Familie zu verunklären». Ausgerechnet die Urner Gläubigen, die ja nun nicht eben mit dem progressivsten Ruf unter den Schweizer Katholiken versehen sind, besannen sich auf urschweizerischen Widerstand und stellten sich wie ein Mann hinter das Frauenpaar und ihren Priester. Der für Uri zuständige Generalvikar Kopp zeigte sich in den Medien «in keiner Weise einbezogen». Stand der Dinge: Die Gemeinde will den Pfarrer behalten, der Pfarrer will bleiben, die Medien halten den Fall weiter warm. Ein spannendes Lehrstück, wie der Kirche in der Krise die Kommunikation entgleiten kann. Nun wollen wir ja aber in der «Reformierten Presse» nicht vor fremden Türen kehren, sondern nehmen den jüngsten Wirbel bei den Schweizer Katholiken zum Anlass, einige Überlegungen zu den Tücken der Kommunikation innerhalb unserer reformierten Schweizer Kirchen anzustellen.

Kommunikation als Chefsache?

Grundsätzlich ist festzustellen, dass in der reformierten Kirchenkommunikation zwei klassische Maximen der modernen Unternehmenskommunikation gleich von vornherein ausser Kraft gesetzt sind. Zum einen die Regel, dass Kommunikation Chefsache sei, und zum zweiten, dass ein Unternehmen nur dann glaubwürdig kommuniziere, wenn alle Beteiligten «mit einer Stimme» sprechen würden. Mit einer Stimme sprechen? Es wird in der Medienöffentlichkeit bisweilen der Wunsch laut, es habe sich bitte zu diesem oder zu jenem Thema nun «die Stimme der reformierten Kirche» zu Wort zu melden. Und gross ist jeweils die Enttäuschung oder verärgert die Reaktion, wenn sich herausstellt, dass es in der Schweiz nicht nur eine, sondern mehrere, pro Kanton organisierte reformierte Kirchen gibt und dass diese nicht einmal dann mit einer Stimme sprechen könnten, wenn sie es noch wollten… Weil es «die reformierte Stimme» gar nicht gibt, sondern höchstens eine Vielzahl und manchmal ein Wirrwarr von ganz verschiedenen und des öfteren sich widersprechenden reformierten Stimmen. Das beweisen zum Beispiel die kontroversen Zuschriften zu gewissen Themen in der «Reformierten Presse», und es wird auch durch die publizistische Vielfalt der reformierten Zeitungen und Zeitschriften in der Schweiz belegt. Diese Vielzahl reformierter Stimmen vermag dann leider auch unter dem pluralistischen Ideal von vielstimmigem Chorgesang nur in den seltensten Fällen einen gefälligen Wohlklang zu erzeugen. Heraus kommt stattdessen meist eine ziemliche Kakophonie. Denn selbst wenn unter den Stimmführern der Wille zum Zusammenspiel vorhanden wäre, fehlt es an einem anerkannten Dirigenten – womit wir wieder bei dem unerfüllbaren Postulat angelangt sind, dass reformierte Kirchenkommunikation unbedingt «Chefsache» sein müsste.

Zustimmung zur Bischofs-Idee

Dass SEK-Präsident Gottfried Wilhelm Locher den Reformierten in der Schweiz sich selbst als Bischof auf einem Chefposten vorsetzen wolle, erschliesst sich bei sorgfältiger Recherche als reine Unterstellung eines Buch-Untertitels. Genauso wie sich übrigens der Vorwurf, er sei ein frauenfeindlicher Chauvinist, bei genauer Lektüre seiner Äusserungen als üble Nachrede und faktenfreies Geschwätz entpuppt. In der öffentlichen Wahrnehmung wird aber beides aus Lochers eigentlich gekonnt-charmanter Kommunikation ebenso schwierig herauszulösen sein wie hartnäckig verklebter Kaugummi aus edlem Anzugstoff. Doch zeigt die vielfache Zustimmung zu der jüngst auch aus Basel portierten Bischofsidee, dass die Verunsicherung einer innerreformierten «Ökumene der Ratlosigkeit» verschiedene Kreise dazu bringt, einem hierarchisch aufgebauten und womöglich autoritär gedachten Leitungsmodell zuzuneigen, mit dem dann neben einer theologischen Nivellierung auch gleich das Postulat der Kommunikation als «Chefsache» unter ein und denselben (Bischofs-)Hut gebracht wäre.

Kommunion und Kommunikation

Dabei geht jedoch vergessen, dass die Kommunikation in den reformierten Kirchen nicht von oben nach unten verordnet werden kann, sondern von unten nach oben wachsen muss. So wie sich jeden Sonntagmorgen spätestens beim Eingangsgebet oder dem ersten Gemeindelied die gottesdienstliche Kommunion und Kommunikation landauf und landab von unten nach oben erhebt. Und so sind auch die reformierten Gemeinden von unten nach oben verfasst – oder sollten es zumindest sein. Nämlich als menschliche Antwort auf das göttliche Heilshandeln in der Menschwerdung Gottes, wie es sich offenbart in der Gestalt und Auferstehung von Jesus Christus, dem Haupt, also dem «Chef» seiner einen und einzigen, vielgestaltigen und vielstimmigen Christengemeinde jeden erdenklichen konfessionellen Zuschnitts. In diesem christologischen Sinne stimmt es übrigens, dass die Kommunikation in den reformierten Kirchen Chefsache ist. Aber nur in diesem Sinn.


Mark Widmer ist Chefredaktor der «Reformierten Presse». Zuvor war er Pressesprecher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements EJPD und Informationschef der Strafverfolgungsbehörden des Bundes. Von 2008 bis 2011 arbeitete er als Kommunikationsbeauftragter der Stiftung Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber.


Dieser Artikel erschien erstmalig in der Reformierten Presse vom 13. Februar 2015.