Spiritualität

Gestatten, ich bin Pfarrerstochter

Im Pfarrhaus aufgewachsen, ist Noemi Harnickell immer wieder mit Vorurteilen über die Kirche konfrontiert. In diesem Beitrag spart die Journalistin nicht mit Kritik an der Institution, beleuchtet aber gleichzeitig, dass die Kirche und Gott für sie für so viel mehr stehen.

Bis heute engagiert sich Noemi Harnickell in der Johannesgemeinde in Bern. Das Bild zeigt sie (Mitte, blonde Zöpfe) im Rahmen einer Kinderbibelwoche. (Bild: privat)

«Was machen deine Eltern beruflich?», fragte mich ein Bekannter. Wir waren zusammen unterwegs auf einer langen Autofahrt, hatten bereits über dies und jenes gesprochen, wie man es tut, wenn man sich fremd ist, aber auf engem Raum zusammensitzt. «Sie sind Pfarrer», erwiderte ich. «Wie? Beide?», fragte er.

Ich lächelte, um zu signalisieren, dass er weiterfragen durfte. Das habe ich über die Jahre gelernt: Leute, vor allem, wenn sie aus der Stadt kommen, haben viele Fragen zum Beruf meiner Eltern und wie er sich auf meine Erziehung ausgewirkt hat.

Der Bekannte schwieg. Wir hatten uns gut verstanden bis dahin, hatten über Politik, Musik und Gesellschaft gesprochen und über dieselben Witze gelacht. Nun fühlte es sich an, als sei etwas zwischen uns getreten. «Seid ihr denn . . .» Der Bekannte rang kurz mit den Worten: «Seid ihr denn sehr religiös?» Üblicherweise kommen dann auch schnell diese Fragen: Betet ihr vor dem Essen? Darfst du Alkohol trinken? Glaubst du an die Wissenschaft? Was hältst du von LGBTQ-Rechten?

Vorurteile hinterfragen

Ich führe solche Gespräche regelmässig. Und um dies vorwegzunehmen: Ich bete nicht vor dem Essen, ich trinke Alkohol, ich vertraue der Wissenschaft, und ich bin gegen die Diskriminierung jeglicher Menschengruppen. Und dies nicht, obwohl ich in Pfarrhäusern aufgewachsen und in den Kindergottesdienst gegangen bin, sondern deswegen. 

«Ich frage mich: Ist die Kirche nur noch etwas für die ganz Frommen?»

Dass Menschen so kritisch nachfragen, hat leider berechtigte Gründe. Die Kirchen sind von Männern dominierte, in Teilen restriktive Institutionen, die Kinderschänder schützten und mancherorts bis heute schützen – während sie Nächstenliebe und Seelenheil predigen.

Das gilt stärker für die katholische Kirche als für die evangelisch-reformierte, der meine Eltern angehören, aber besonders kirchenferne Personen unterscheiden da nicht mehr gross. Und konfrontiert mit all diesen Vorwürfen, frage auch ich mich oft: Ist die Kirche nur noch etwas für die ganz Frommen?

Prägender Umzug

Mit dem Leben im Pfarrhaus konnte ich mich nie anfreunden. Ich bin in einer Altbauwohnung in der Stadt aufgewachsen, wo man die nächste Kirche zwar hören, aber nicht sehen konnte, und bis ich neun Jahre alt war, interessierte mich der Beruf meiner Eltern nicht.

Aber dann zogen wir aufs Land, in ein kleines Dorf im Berner Oberland, wo meine Eltern eine gemeinsame Pfarrstelle antraten. Die Kirche stand neben unserem Haus, der Friedhof schloss sich daran an. Mein Bruder und ich hiessen nun nicht mehr wie früher Tobias und Noemi, sondern «die Pfarrers». 

Waren wir bei Schulfreunden zu Besuch, kommentierten die Eltern unsere Tischmanieren und freuten sich, wenn wir schlechtere Noten schrieben als ihre Kinder. Es war, als müssten wir eine Art moralische Messlatte setzen, an der sich alle anderen Kinder zu orientieren hatten. Ein seltsam hoheitlicher Status, in den wir da reingerutscht waren. Mit Religion und Glaube hatte er wenig zu tun.

Lesen wie in einem Märchenbuch

Vielleicht ärgere ich mich deswegen heute so über Menschen, die mich auf den Beruf meiner Eltern reduzieren? Ich möchte manchmal am liebsten rufen: «So what, wenn ich an den lieben Gott glaube? Ihr feiert doch auch alle Weihnachten!» 

Und dann diese sinnsuchenden Zwanzigjährigen, die über den Jakobsweg pilgern, ohne eine Ahnung davon zu haben, wer Jakob eigentlich war! Alle erwarten von mir, dass ich weltoffen und tolerant bin, aber wehe, ich sage das Wort mit G! 

Noemi Harnickell hat Umweltgeschichte und Slawistik in Bern, Fribourg und Krakau studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Print- und Onlinemedien im deutschsprachigen Raum. Im Sommer erscheint ihr erstes Sachbuch «Verstörend betörend»  alles über Orchideen. Die 30-Jährige lebt in Bern. (jow)

Ich erkläre die Glaubenssituation bei uns zu Hause gern so: Wir sind natürlich spirituell. Ich glaube an einen Gott, an ein Universum, ein Schicksal – wie auch immer man es nennen will. Meine Mutter nennt es «Urvertrauen in das Gute». Meine Eltern haben einen literaturwissenschaftlichen Zugang zur Bibel.

Damit meine ich keine emotionale Distanz. Die Bibel war für mich als Kind eine Art Märchenbuch. Manche Geschichten waren brutal, manche witzig, andere traurig. Ich mochte Mose, der das Meer mit seinem Stab teilen konnte, und Jona, der von einem riesigen Fisch verschluckt wurde, und die Geschichte meiner Namensvetterin Noemi, die sich auf eine lange Reise begab.

«Mein Bruder und ich haben unserer Mutter verboten, beim Spielen zu beten.»

Wir diskutierten oft darüber, warum etwas so und nicht anders aufgeschrieben worden ist, welches Wort im hebräischen Original an dieser Stelle steht und wie das den Sinn der ganzen Geschichte ändern könnte. Ich hatte viele Fragen an die Bibel, aber die hatte ich auch an Harry Potter, und meine Eltern taten ihr Bestes, um mit mir nach Antworten zu suchen.

Und ja, manchmal beteten wir zu Hause. Aber nie vor dem Essen, dafür fehlte uns allen die Zeit und die Geduld. Mein Bruder und ich haben unserer Mutter inzwischen verboten, beim Spielen zu beten. Wann immer sie eine Sechs würfeln muss, richtet sie ihren Blick zur Decke, schüttelt den Würfel in ihrer Hand und sagt laut: «Lieber, lieber Gott, hilf!» Ich weiss, wie harmlos und absurd das wirkt, aber sie gewinnt fast jedes Mal. 

Berühmte Gläubige

Wenn ich heute bete, dann meistens in Form einer Meditation. Wenn ich unsicher bin oder Angst habe, hilft es mir, diese Gefühle auszuformulieren. Wenn ich besonders glücklich bin, dann möchte ich manchmal Danke sagen für das Leben, das ich führen darf. Dass ich alle diese Gedanken in die metaphorischen Hände einer guten Allmacht legen kann, finde ich tröstend.

Während beten für viele verdächtig klingt, scheint das englische pray cool zu sein. Hashtags, die mit #prayfor beginnen, sind besonders unter jungen Leuten beliebt. Es folgt meist ein Ort auf der Welt, wo gerade etwas Furchtbares passiert ist, eine Naturkatastrophe oder ein Terroranschlag. Ich verstehe den Wunsch, Solidarität zu zeigen, und wer einen solchen Hashtag postet, hat das Gefühl, etwas Gutes und Wichtiges getan zu haben. Wichtiger wäre es, den Menschen konkret zu helfen. 

Gläubige Weltverbesserer haben oft einen schlechten Ruf, weil sie schnell mit hart gesottenen Missionaren früherer Jahrhunderte in einen Topf geworfen werden. Viele vergessen, dass auch Martin Luther King Pastor war. Sophie Scholl glaubte bis zu ihrer Hinrichtung an einen gerechten Gott, und das berühmte Gedicht «Von guten Mächten wunderbar geborgen» schrieb der Widerstandskämpfer und evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer 1944 zur Weihnachtszeit in Gestapohaft. Diese Menschen fanden im Glauben nicht nur den Halt, um finstere Zeiten zu überstehen, sondern auch die Kraft, sich gewaltlos für eine gerechtere Welt einzusetzen.

Kirche verbindet

2019 sind in der Schweiz 26'198 Menschen aus der evangelisch-reformierten Kirche ausgetreten, bei der katholischen Kirche waren e 31'772. Dies zeigt eine Statistik des pastoralsoziologischen Instituts in St. Gallen. Der Wert von Religion und Spiritualität scheint sich an der jeweiligen Lebenssituation zu messen. In «schwierigen Momenten des Lebens», so eine Studie von Statista, sind 53,1 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung durchaus religiös. In Fragen der Sexualität spielt Spiritualität dagegen nur in 15,8 Prozent der Fälle eine Rolle.

Religion ist eben kein Wert an sich. Religion verdient sich ihren Wert erst, indem sie sich für mehr Frieden einsetzt. «Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist», schrieb Dietrich Bonhoeffer.

«Gott ist nur ein Wort, das wir selbst mit Bedeutung füllen müssen.»

Ich engagiere mich auch heute noch im Kindergottesdienst, den ich als Kind besucht habe. Auch einige meiner besten Freunde machen mit. Wir fahren mit Jugendlichen ins Sommerlager, demonstrieren gegen Atomkraftwerke und haben ein Theaterensemble gegründet. Kirche, wie ich sie kenne, ist Gemeinschaft, ist Raum für politische Diskussionen und, mehr noch, für politisches Handeln.

Und wenn mich jemand fragen würde, wo oder wer mein Gott ist – diese Frage wird mir irritierenderweise kaum gestellt –, würde ich auf diese Gruppe verweisen. Gott ist nur ein Wort, das wir selbst mit Bedeutung füllen müssen. Für mich ist er im Kreis meiner liebsten Menschen, er ist das warme Gefühl, an einem sicheren Ort zu sein, er ist in der Freude beim Singen und in jeder regen Diskussion.

Sobald jemand von Gott redet, möchten viele Menschen aus dem Gespräch fliehen. Wenn ich ehrlich bin, geht es mir ähnlich. Oft, wenn mir junge Leute erzählen, dass sie in Freikirchen engagiert sind, ertappe ich mich dabei, dass ich sie gern fragen würde, ob sie vor der Ehe Sex haben dürfen. Das wurde ich auch schon gefragt. «Was geht dich mein Sexleben an?», fragte ich manchmal zurück. Aber vielleicht ist es wichtig, ernsthaft zu antworten. Sonst legen sich die Menschen ihre eigenen Antworten zurecht.

Redaktioneller Hinweis: Noemi Harnickell arbeitet und lebt in Bern. Dieser Text erschien zuerst im deutschen Magazin «Chrismon».