Erdbeben in Myanmar

«Die Militärjunta denkt vor allem an sich selbst»

Die Lage in Myanmar bleibt auch Tage nach dem verheerenden Erdbeben unübersichtlich. Lukas Bucher* koordiniert für ein christliches Hilfswerk die Nothilfe vor Ort.
Die eingestürzte Pagode Maha Myat Muni in Mandalay galt als wichtiger Pilgerort für Buddhisten. (Bild: Keystone)


Herr Bucher*, in welcher Lage befindet sich Myanmar derzeit?
Die Situation ist sehr komplex. Seit dem Militärputsch im Jahr 2021 wurden in Myanmar 3,5 Millionen Menschen vertrieben. Die Militärjunta und Rebellen führen Krieg gegeneinander. Und darüber hinaus hat ein Zyklon im September 2024 Überschwemmungen verursacht, von denen über 800'000 Menschen betroffen sind. Das Erdbeben verschärft diese Lage zusätzlich.

Wie gross sind die Schäden nach dem Erdbeben?
Unsere lokalen Partner sagen uns, dass die Auswirkungen in der Stadt Mandalay im Zentrum des Landes am schlimmsten waren. Die Schäden erstrecken sich aber bis in den Shan-Staat im Westen des Landes, in dessen Hauptstadt ich mich gerade befinde. Bei uns in der Nähe ist der Inle-See, an den viele Dörfer grenzen. Ein Team von uns war gerade dort und hat berichtet, dass in einem Dorf jedes einzelne von den rund 130 Häusern zerstört wurde. In anderen Ortschaften wurde ein Drittel der Wohngebäude beschädigt, doch viele weitere sind nicht mehr nutzbar. Ich habe auch gehört, dass in der Hauptstadt Naypyidaw Spitäler, Schulen und buddhistische Pagoden eingestürzt sind. Viele dieser religiösen Bauten dienten als Unterkunft für Menschen, die durch den Konflikt vertrieben wurden.

Die Militärjunta spricht von über 2700 Toten und Tausenden Verletzten. Wie zuverlässig sind diese Angaben?
Die 2700 Toten gelten als sicher, wahrscheinlich wird die Zahl in den nächsten Tagen und Wochen noch steigen. Falls es noch Überlebende gibt, sinken ihre Überlebenschancen mit jedem Tag. Das United States Geological Survey schätzt, dass bis zu 10'000 Menschen ums Leben gekommen sein könnten. Im Moment sind die Informationen dazu aber sehr bruchstückhaft.

Wie geht die Bevölkerung mit der Katastrophe um?
Die Gesellschaft ist sehr widerstandsfähig. Es gibt ein starkes Gefühl des sozialen Zusammenhalts unter den Menschen in Myanmar. Sie unterstützen sich gegenseitig. Wer mehr hat als die anderen, bietet Hilfe an. Trotzdem ist diese neue Krise aus psychologischer Sicht sehr schwierig für die Menschen. Viele haben Angehörige, Freunde oder ihr Zuhause verloren. Von der Regierung kommt keine Hilfe.

Weshalb?
Wir sprechen von einer Militärjunta, die ihre Bombardierungen unmittelbar nach dem Erdbeben fortgesetzt hat und vor allem mit ihrer Selbsterhaltung beschäftigt ist. Es gibt viele Konfliktgebiete, die derzeit nicht erreichbar sind. Wir fragen uns, ob dort humanitäre Hilfe geleistet wird und von wem. Mehrere Länder haben Rettungsteams entsandt, meines Wissens auch China. Die Militärjunta steht zudem in Kontakt mit Russland und Belarus, aber viel mehr weiss ich dazu nicht.

Welche Nothilfe leistet Ihr Hilfswerk derzeit?
Wir sind daran, mit unseren lokalen Partnern ein Programm für die Bargeldhilfe auf die Beine zu stellen. Zunächst werden 3000 Familien im Gebiet um den Inle-See mit je 90 US-Dollar unterstützt. Mit diesem Geld können sie provisorische Unterkünfte einrichten. Sobald zusätzliche Mittel zur Verfügung stehen, dehnen wir die Hilfe auf weitere Familien aus. Nach dieser ersten finanziellen Soforthilfe ist eine umfassendere Unterstützung für den Wiederaufbau von Häusern und Wohnungen vorgesehen. Ausserdem denken wir darüber nach, mit welchen langfristigen Massnahmen wir die Widerstandsfähigkeit und Lebensgrundlagen der Gemeinschaften stärken können.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit von NGOs und der Militärjunta bei der humanitären Hilfe?
Viele Staaten und NGOs anerkennen die Militärjunta nicht. Falls es eine Zusammenarbeit gibt, ist sie sehr begrenzt. Wir stehen auf jeden Fall nicht in Kontakt mit der Junta. Allerdings wäre schon viel erreicht, wenn die Militärjunta internationalen Organisationen freien Zugang zu den umkämpften Gebieten gewähren würde, beispielsweise der Saigang-Region. Die militärische Präsenz ist dort sehr stark und der Zugang zum Internet beschränkt. Das erschwert die Kommunikation.

Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf die Zukunft des Landes ein?
Die Auswirkungen des Erdbebens werden noch jahrelang spürbar sein und treffen die Schwächsten in der Gesellschaft am härtesten. Wohin sollen all die Menschen, die ihr Zuhause verloren haben? Wie gross sind die Schäden an den Schulgebäuden? Es ist wichtig, dass die internationalen Geldgeber den Bedarf erkennen und Hilfe leisten. Myanmar ist im Vergleich zu anderen Konflikt- und Katastrophengebieten medial in den Hintergrund gerückt. Die Frage ist auch, ob sich die Militärjunta international öffnet und wie viel Druck in diesem Fall auf sie ausgeübt wird.

*Name der Redaktion bekannt. Er wurde aus Sicherheitsgründen geändert.

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