«Es braucht auch in der Kirche Frauen, die Lust auf Macht haben»

Wie können Frauen an Einfluss gewinnen? An der Frauenkonferenz des Kirchenbundes sprachen Frauen über Lobbying – und warum es mächtige Frauen braucht.

Frauenmacht und wie man dazu kommt: Diskussion von Monika Hirt (links) und Rita Famos. (Bild: SEK)

«Erfolg ist lernbar.» Diese optimistischen Worte stammen von Christina Marchetto. Unter dem Titel «Seid klug wie die Schlangen» sprach die Fachfrau für Kommunikation und Leadership an der Herbstversammlung der Frauenkonferenz des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). Angelehnt an das Zitat aus dem Matthäusevangelium erfuhren die Teilnehmerinnen von persönlichen Strategien und Lobbying, die sie beruflich weiterbringen sollen.

Macht muss man wollen

Es gibt inzwischen durchaus Frauen in Führungspositionen. Warum etwa wird Angela Merkel gerade zum vierten Mal Bundeskanzlerin? «Merkel weiss, was sie will», sagte Marchetto. Sie arbeite ruhig, hartnäckig und mit einem feinen Gespür für Macht an der Umsetzung ihrer Ziele.

Macht müsse man wollen. Doch daran fehle es, gerade bei Frauen und gerade in der Kirche. Macht sei immer noch negativ konnotiert, assoziiert mit Missbrauch und Narzissmus. Dabei sei Macht einfach die Möglichkeit zu gestalten und als solche weder gut noch böse.

«Es braucht auch in der Kirche Frauen, die Lust auf Macht haben», sagte Marchetto. Die Gesellschaft brauche Frauen-Macht. Nicht weil Frauen besser, sondern weil sie anders seien, einen anderen Führungsstil einbrächten. Und es sei erwiesen: «Gemischte Teams arbeiten besser.»

Verbündete suchen

Wer an die Macht will, muss sich Verbündete suchen. Lobbying betreiben. Daran habe es beispielsweise bei der Bundesratskandidatur von Isabelle Moret ganz klar gefehlt, so Marchetto. Dabei sei die Bedeutung von Lobbying in den letzten Jahren exponentiell gestiegen. So kämen in der Europäischen Union auf einen Politiker im Durchschnitt mehr als hundert Lobbyisten, die Einfluss auf die Entscheidungsträger zu nehmen versuchten. Mit Informationen zum Thema, mit Schreiben an Parlamentarier und Beziehungsmanagement. Dies ist auch ein Anlass zur Sorge, denn so hängt die Möglichkeit zur Einflussnahme zunehmend von den Ressourcen ab.

Für erfolgreiches Lobbying unabdingbar: eine minutiöse Vorbereitung. Man müsse nicht nur seine Dossiers gut kennen, sondern auch seine Ansprechpartner, um eine gemeinsame Sprache zu finden. Wissen, welche Themen gerade bewegen. Und vertrauenswürdig bleiben. Nicht so wie der designierte Bundesrat Cassis, der schon vor Amtsantritt den Ruf eines Opportunisten habe.

Wahlkampf in der Kirche?

Und wie sieht das in der Praxis aus? Darüber tauschten sich im Anschluss zwei «mächtige» Frauen aus Kirchenkreisen aus: Monika Hirt und Rita Famos.

Monika Hirt war bis 2014 Kirchenratspräsidentin der reformierten Kirche des Kantons Zug. Rita Famos ist Leiterin der Abteilung für Spezialseelsorge der Zürcher reformierten Kirche und damit Chefin von rund 100 Mitarbeitenden.

Eine eigentliche Strategie habe sie für ihre Karriere nicht gehabt, sagte Famos, aber Selbstvertrauen, Leidenschaft und Kompetenz. Als Hirt für den Kirchenrat kandidierte, schrieben sie und ihre Verbündeten hingegen Karten, telefonierten und schalteten ein Zeitungsinserat. Die Reaktionen waren nicht immer freundlich. «In der Kirche macht man doch keinen Wahlkampf», habe es geheissen. Der Erfolg gab Hirt jedoch Recht.

Gendergerechte Verfassung

Etwas erreichen wollen, kompetent auftreten und Verbündete finden – und zwar nicht nur Frauen. Das müssen die Delegierten der Frauenkonferenz auch am 6. November in der Herbstabgeordnetenversammlung des SEK. Ein Schwerpunkt dort wird die erste Lesung der Verfassungsreform sein. Die Frauenkonferenz möchte einige Passagen gendergerecht gestalten. Sie hat aber kein Stimmrecht. Und der Frauenanteil unter den Abgeordneten beträgt weniger als 30 Prozent.