«Religion hat Konjunktur», so die Feststellung von Ausschussmitglied Carmen Jud in ihrer Einführung zur Tagung. Allerdings seien die Vorzeichen, unter denen Religion in den Medien beachtet wird, vor allem negativ. Sei es beim Islam, der nur noch unter dem Gesichtspunkt der in seinem Namen verübten Gewalttaten erwähnt werde, sei es bei den Kirchen, bei denen es hauptsächlich um Schwächen wie abnehmende Mitgliederzahlen gehe. Wichtige Merkmale von Religion wie Nächstenliebe und Engagement für eine bessere Welt gingen dabei vergessen, so Jud, und «das tut weh». Zudem gebe es zunehmend Stimmen, die angesichts eines stereotypen Islambilds eine «christliche Leitkultur» mit «christlichen Werten» anmahnten. Die Grenzen schienen klar: «Wir und die andern.»
Aber wer ist dieses «Wir»? Was bedeutet «christliche Identität»? Die Tagung der Frauenkonferenz des Kirchenbunds wollte genau darauf Antworten liefern. Unter dem Thema «Ich glaube – Du glaubst – Sie glaubt» ging es um «Christliche Identitäten in einer multireligiösen Gesellschaft».
Nicht Rechtgläubigkeit, sondern Sinn
Wohlgemerkt, um «Identitäten», nicht um «Identität». Das wurde im Hauptreferat von Doris Strahm deutlich. Die freischaffende feministische Theologin und Mitbegründerin des «Interreligiösen Think-Thanks» wies darauf hin, dass es schon zu biblischen Zeiten nicht die eine «christliche Identität» gegeben habe. Das heutige Christentum sei zudem von der allgemeingesellschaftlichen Individualisierung und Pluralisierung betroffen. Heute müsse man von einer «Patch-Work-Religiosität» reden. Es gehe «nicht mehr um Rechtgläubigkeit, sondern um das, was dem Leben Sinn und Wert» verleihe. So hätten beispielsweise eine Vielzahl von Kirchgängern überhaupt kein Problem, die Reinkarnation in ihr Glaubenssystem einzugliedern. Im Lichte dieser Tatsache sei ein «starres Identitätskonzept» fehl am Platz, es brauche «Offenheit für Bewegung».
Weder exklusiv noch inklusiv
Angesichts sowohl des gesellschaftlichen als auch des innerchristlichen Pluralismus sei eine pluralistische Haltung auch im Dialog mit anderen Religionen angemessen. Nur so könne man der «eigenen Identität treu und offen für andere» sein. Ein pluralistischer Ansatz gehe nicht mehr davon aus, dass die Christen die alleinige Wahrheit hätten (Exklusivismus) oder andere Religionen vielleicht noch eine Teilwahrheit (Inklusivismus). Vielmehr seien die verschiedenen religiösen Traditionen gleichwertig als unterschiedliche Annäherungen an die eine transzendentale Wirklichkeit zu verstehen. Dies sei angemessen, weil die «Wahrheit der Religionen» etwas anderes sei als die «Wahrheit Gottes». Nur diese sei absolut und könne von keiner menschlichen Lehre vollständig erfasst werden.
Christlicher Glaube sei weder beliebig noch ein Für-wahr-Halten bestimmter Dogmen. Er geschehe in Beziehung, in dem «unabgeschlossenen Prozess der Orientierung an Jesus von Nazareth und seiner Lehre vom Reich Gottes». Es gehe darum, die Botschaft im sich wandelnden Kontext zu aktualisieren und das «Heilsein zu fördern».
Und der Missionsauftrag?
Offen blieb bei diesem Ansatz, inwieweit er auch für den innerchristlichen Dialog taugt. Auch der kam auf der Tagung zur Sprache, allerdings eher am Rand. So in einem kleinen Workshop, in dem Teilnehmerinnen von ihrer Ägyptenreise berichteten. Frauen der dortigen reformierten Kirche hatten eine Schweizer Frauendelegation eingeladen, um zur Meinungsbildung über die dort anstehende Abstimmung zur Frauenordination beizutragen. Bei aller Bewunderung für die westlichen Fortschritte auf diesem Gebiet waren die ägyptischen Frauen allerdings doch befremdet, dass landeskirchlich geprägte Reformierte in der Schweiz nicht versuchen, Andersgläubige zu bekehren. Schliesslich habe Jesus den Auftrag dazu gegeben.
Ähnliches gilt für in der Schweiz ansässige Migrationskirchen, wie Dinah Hess bemerkte. «Diese Gemeinschaften sind oft sehr damit beschäftigt, ihre eigene Identität zu wahren», sagte die Leiterin des Zentrums für Migrationskirchen der Zürcher reformierten Landeskirche. Beim interreligiösen Dialog gebe es oft eine «Schwellenangst». Ihre eigene Aufgabe sieht Hess darin, «Grenzen aufzuweichen». Dabei ist sie durchaus zuversichtlich. Wichtig sei es, «keine Angst vor Menschen» zu haben: «Es ist vielleicht einfacher, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, als man denkt.»