Sein letzter Text
Thomas Schlag: Als wir uns als Herausgeber der «Zeitschrift für Pädagogik und Theologie» Gedanken zu einem Themenheft «Hoffnung» machten, kam der Gedanke auf, auch den Tübinger Theologen Jürgen Moltmann für die Mitwirkung zu gewinnen. Es erschien uns allerdings als eher unwahrscheinlich, dass er in seinem hohen Alter noch einen ausführlichen Beitrag für die Zeitschrift abfassen würde.
Insofern entschieden wir uns bei unserer Anfrage an ihn für das Setting eines Interviews, bei dem Fabienne Greuter als Theologin der jüngeren Generation ihn befragen sollte. Im Dezember 2023 erreichte mich in Schreibmaschinenschrift die Nachricht: «Lieber Herr Schlag, Ich bin nun 97 Jahre alt und mein Sprechen ist sehr behindert, sonst geht es mir gut. Ich könnte unter Umständen ein schriftliches Interview geben, wenn Sie mir den Januar 2024 Zeit lassen.» Dies war der Beginn der Entstehung seines letzten Textes.
Fabienne Greuter: Kurz vor den Weihnachtsferien fragte mich Thomas Schlag, ob ich mir vorstellen könnte, ein Interview mit Jürgen Moltmann zum Thema Hoffnung zu führen. Voller Respekt aber ohne Zögern, sagte ich gleich zu. Wenige Tage später legte Thomas Schlag mir als Weihnachtsgeschenk einige Werke von Jürgen Moltmann auf den Schreibtisch, unter anderem auch dessen letztes Buch «Weisheit in der Klimakrise».
Dieses Buch packte ich sogleich in meinen Koffer, denn nur wenige Tage später reiste ich mit Freundinnen und Freunden nach Gambia in Westafrika und es ist wohl nicht zu viel gesagt, dass sich dieses Buch ganz stark mit meiner Reise verbunden hat. Moltmanns Gedanken zur Klimakrise und zur Rolle der Weisheit in dieser haben mich gefesselt.
Wenn ich durch die Natur Gambias fuhr und gleichzeitig Berge an Abfall sah, vermischten sich Moltmanns Gedanken mit meiner Wahrnehmung. Immer wieder las ich auch meinen Freundinnen und Freunden Stücke aus dem Buch vor – alles keine Theologinnen! – und die anregenden Gespräche daraus haben mir vor Augen geführt, wie anschlussfähig Theologie und Denkweise von Jürgen Moltmann sind.
Aus diesen Gesprächen, Eindrücken und Gedanken sind zwölf Fragen entstanden, die wir Jürgen Moltmann dann im Januar 2024 per Post zukommen liessen. Wenig später erhielten wir von ihm per Post ein Dokument zurück, in welchem er alle Fragen ausführlich beantwortete.
Dabei lagen zwei persönliche Schreiben, eines an Thomas Schlag und eines an mich. Darin dankte er mir für die Fragen, die seiner Meinung nach klug gestellt waren und ihn, so schreibt er, ins Schwitzen gebracht haben. Diese persönlichen und aufbauenden Worte berührten mich und liessen mich schmunzeln. Auch wenn das Interview per Brief geführt wurde, wurde der «Hoffnungstheologe» in seinen Zeilen spür- und nahbar, noch viel mehr in seinen sehr persönlichen Antworten auf meine Fragen, die er alle mit Schreibmaschine beantwortet hat.
Fabienne Greuter ist Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Praktische Theologie von Professor Thomas Schlag am Theologischen Seminar der Universität Zürich. (dst)
Nicht wissend, dass es einer seiner letzten, vielleicht sogar sein letzter Text sein würde, wurde mir bewusst, dass wir mit diesem Interview ein wunderbares Zeitzeugnis von Jürgen Moltmann geschenkt bekommen haben, in welchem er auch über sein eigenes Leben, den Tod und die Hoffnung auf die Auferstehung nachgedacht hat.
In der letzten Antwort schreibt er: «Ich wundere mich jeden Morgen, dass ich noch da und gesund bin und gehe mit Lebensfreue in den neuen Tag hinein. Die Auferweckung zum ewigen Leben ist meine Hoffnung am anfänglichen Leben und im Sterben. So ist der Tod wie der Geburtstag zum neuen Leben. Das gibt mir jeden Morgen eines neuen Tages frischen Lebensmut.»
Thomas Schlag: Eine letzte Druckversion hat uns Jürgen Moltmann – inzwischen 98jährig – wenige Tage vor seinem Tod am 3. Juni nochmals handschriftlich korrigiert per Post zukommen lassen. Der Verwalter seines Nachlasses, Gerhard Marcel Martin, hat mir mitgeteilt, dass diese Textarbeit als letzte auf Moltmanns Schreibtisch lag.
Das vollständige Interview wird in der Zeitschrift für Pädagogik und Theologie im Frühjahr 2025 erscheinen. (Redaktion: dst)