Der greise Schriftsteller Hans Ulrich Schwaar lebt fast blind in einem Pflegeheim im hinteren Emmental. Vor sich hat er nur den Tod und die Felswände des Gebirgsstocks Hohgant. Trotzdem schmiedet er, den alle «Hansueli» nennen, noch Pläne. Von den saftiggrünen Bergwiesen träumt er sich in die kargen Weiten Lapplands, wo die Sonne im Sommer nicht untergeht, wo die Menschen lieber schweigen als reden, wo er Jahrzehnte verbrachte und schrieb, als Gast eines Schamanen vom Urvolk der Samen. Schliesslich bricht Schwaar eines Tages auf, um im hohen Norden Finnlands sein Lebensende zu verbringen. Das ist die Kurzfassung des Dokumentarfilms «Daheim in Näkkälä». Vier Monate nach dem Umzug, zwei Wochen nach dem Abschluss der Dreharbeiten stirbt der Porträtierte in seiner neuen Heimat. So wird die letzte Reise des Hans Ulrich Schwaar zu einer grossen, fast mythischen Metapher für den Übergang vom Leben zum Tod. Regisseur Peter Ramseier gelingt das ergreifende Zeugnis eines selbstbestimmten Sterbens.
Der Schamane auf dem Schneetöff
Der Film beginnt beschaulich, mit Bildern aus dem Alltag im Pflegeheim, mit Besuchen an den frühen Wirkungsstätten Schwaars, der einst als Dorfschullehrer anfing und als über Neunzigjähriger von einer ehemaligen Schülerin betreut wird. Erst nach und nach kommt heraus, dass er ein bedeutender Autor, Übersetzer und Kunstsammler gewesen sein muss, der für seine berndeutsche Fassung des wichtigsten finnischen Romans einen Ritterorden vom Staatspräsidenten erhielt. Unterbrochen wird die Emmentaler Idylle durch atemberaubende Aufnahmen aus dem nordischen Winter, von Rentierherden im Schneegestöber, von Schwaars samischem Gastgeber Iisakki-Matias Syväjärvi, dem Schamanen mit Zigarette und Schneetöff.
Ein zauberhafter Schleier
Das Material für die Doku ist im Verlauf von zehn Jahren entstanden und erscheint ohne Kommentar zusammengeschnitten. Das macht die zeitliche Orientierung manchmal etwas schwierig. Aber eigentlich geht es sowieso um Zeitloses. Es ist nicht die Hintergrundgeschichte des Schriftstellers Schwaar, die berührt, sondern der «Hansueli», dessen leuchtende Augen beinahe nichts mehr sehen, aber so viel erkennen. Einmal sagt er von den Samen, dass ein zauberhafter Schleier um sie liege. Das gilt auch für ihn selbst. Man möchte seinem Freund Iisakki-Matias zustimmen, dass der Emmentaler ebenfalls ein kleiner Schamane ist, und hofft für ihn, dass er nun endlich angekommen ist an einem Ort, wo die Sonne nie untergeht, in seiner wahren Heimat.