Medienkritik «Sternstunde Religion»: Mütter auf Zeit

Der Film «Ma Na Sapna – Geliehenes Mutterglück» zeigt Frauen, die in einer Klinik in Indien ihren Körper gegen Bezahlung für eine Schwangerschaft zur Verfügung stellen. Er tut dies so, dass der Zuschauer nicht einzig in der Empörung stecken bleibt. Eine Medienkritik von Oliver Demont.

In einer auf Leihmutterschaft spezialisierten Klinik im Nordwesten Indiens: Leihmutter Papiha nach der Geburt ihres Kindes, das nicht ihr gehört. Bild: manasapna.com

Wir kennen die Berichte von sehr jungen Frauen in der Ukraine, die ihr erstes Kind für Frauen und Männer im Westen austragen. Für einige Tausend Franken, aus offensichtlicher Not und nach der Geburt oftmals traumatisiert. Wir kennen die Filme von Frauen mit eigenen Kindern in den USA, die strahlend ihren Babybauch in die Kamera halten und – durchaus glaubhaft – erzählen, dass es sie glücklich mache, einer anderen Person, die sonst nie ein eigenes Kind haben könnte, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Und da ist der preisgekrönte Dokumentarfilm «Ma Na Sapna – Geliehenes Mutterglück», der die zuvor beschriebenen Realitäten alle auch zeigt, am Ende aber doch eine ganz andere, eigene Wirklichkeit schafft.

Arg strapaziertes Zur-Schau-Stellen intimer Momente

Dass dies so ist, hat mit den bedachten Regie-Kniffen der aus Wien stammenden Filmerin Valerie Gudenus zu tun, hauptsächlich aber mit dem gewählten Schauplatz: eine auf Leihmutterschaft spezialisierte Klinik im Nordwesten Indiens. Dort begleitet Gudenus eine Leihmutter-Vermittlerin, lässt die leitende Ärztin der Klinik zu Wort kommen und porträtiert mehrere Mütter auf Zeit. Die Macher kommen nahe ans Geschehen heran: Vom Anwerben der Leihmütter über die Geburt bis zur Übergabe an das Auftraggeberpaar, der Zuschauer ist überall dabei. Kontrastiert wird dieses teilweise arg strapazierte Zur-Schau-Stellen intimer Momente durch eine sanfte Bilderfolge und den darin sorgfältig erzählten Geschichten einzelner Leihmütter.

Dass der Film sich einzig aufs Zeigen beschränkt und nie platten Wertungen verfällt – obwohl sich das Thema Leihmütter mit seiner Sprengkraft geradezu dafür anbietet –, ist auch dem Umstand geschuldet, dass Gudenus’ Film ohne die sonst in Dokumentarfilmen üblichen Kommentare aus dem Off auskommt. Und so treiben die Protagonisten die Geschichte voran und offenbaren dabei nicht nur die schaudrigen Mechanismen eines neuen Geschäftsmodells, sondern auch dessen Chancen. Denn vieles, woran die Frauen leiden, geschieht nicht innerhalb der Klinikmauern, sondern ausserhalb: die gesellschaftliche Ächtung für ihr Handeln, die fehlenden Regulative und die absurde Situation, dass die Mütter während der Schwangerschaft in der Klinik ihre eigenen Kinder vernachlässigen. Er zeigt aber auch die steile Hierarchie von der Leihmutter hinauf zur leitenden Ärztin, die hemmungslos ihren Machtanspruch durchsetzt. Der Film ist ein Lehrstück für eine Entwicklung, die weltweit Realität wird, unabhängig von der Kultur. Ein Lehrstück, dass die Realität von Leihmüttern anders aussehen sollte.

Sternstunde Religion, SRF 1 am 9. Juni (Video online nicht verfügbar)

 


Im Anschluss an den Dokumentarfilm «Ma Na Sapna – Geliehenes Mutterglück» diskutierte Barbara Bleisch in der SRF-Sternstunde Philosophie mit der Rechtswissenschaftlerin Andrea Büchler und dem Philosophen Peter Schaber, ob Leihmutterschaft Frauen ausbeutet oder ihnen eine legitime Aufstiegschance bietet.

Zur Film-Diskussion in Sternstunde Philosophie auf SRF

 

Offizielle Film-Seite

«Ma Na Sapna – Geliehenes Mutterglück»

 

Filmausschnitte

Mehrere Trailer aus «Ma Na Sapna – Geliehenes Mutterglück»