Da sitzt er nun in Jeans und Pullover in der «Sternstunde Philosophie», der einst reichste Mann Russlands: Michail Chodorkowski. Unter Boris Jelzins Präsidentschaft stieg Chodorkowski mit seinem Unternehmen Yukos zum weltbekannten Ölmagnaten auf. Nach der Machtergreifung Putins geriet er zunehmend in Konflikt mit dem Kreml und bezahlte seine Kritik mit zehnjähriger Lagerhaft in Sibirien. Westliche Medien stuften seine zweimalige Verurteilung unter dem Vorwand von Steuerdelikten als politisch motiviert ein. Vor einem Jahr kam Chodorkowski überraschend frei. Trotz allem Erlebten will er im Schweizer Exil den Mund nicht halten. Im Gegenteil.
Krisenmanager und Übergangspräsident
Heute fordert Chodorkowski Putin mit einer Oppositionsbewegung heraus und macht aus seinen Ambitionen zu dessen Nachfolge gleich zu Beginn der Sendung kein Geheimnis: «Ich könnte mir vorstellen, eine solche Aufgabe zu übernehmen.» Und skizziert sogleich, was er damit meint: Er sei ein Krisenmanager und Russland steuere unter den derzeitigen Vorzeichen offensichtlich auf eine grössere Krise zu. In solchen Situationen brauche es jemanden, der für zwei, drei, Jahre komme und das politische System reformiere. Diese Person dürfe allerdings nicht planen, bei anschliessenden Wahlen zu gewinnen.
Sich unerfüllbare Aufgaben stellen
Zu gern würden die Zuschauer in diesem Moment wissen, wie er einen Wandel gestalten würde. Aber die zuweilen nervös wirkende Moderatorin hakt hier leider zu wenig nach. Mit ihrer Fragestellung entlockt sie Chodorkowski lieber Antworten aus der philosophischen Ecke. Angesprochen auf seine Motivation meint er, dies sei eine Frage nach dem Sinn des Lebens. Ihm gefalle es, sich unerfüllbare Aufgaben zu stellen und deren Lösung zu erreichen. «Wenn du ein Ziel hast, musst du versuchen, es zu erreichen –, oder zumindest alles, was in deiner Macht steht, tun. Meine Aufgabe besteht darin, für das eigene Land Erfolge zu erreichen.» Gebrochen hat ihn die jahrelange Haft offensichtlich nicht: «Diese Aufgabe ist noch nicht erfüllt.» Ruhig spricht Chodorkowski. Auch über seine Erfahrungen im Gefängnis, den Wert von Freiheit und Familie und was in Russland derzeit alles schiefläuft. Und oft beendet er seine Ausführungen mit einem smarten Lächeln.
Chodorkowski in einer Philosophiesendung. An sich eine spannende Ausgangslage. Am Ende der Stunde hätte man ihn dann aber doch lieber in einem anderen Sendegefäss gesehen.
Sternstunde Philosophie, SRF 2, 7. Dezember