Neue Kirchenordnung

Luzerner Reformierte wollen der Bevölkerung den Puls fühlen

Möglichst breit will die Reformierte Kirche des Kantons Luzern ihre neue Kirchenordnung abstützen. Deshalb möchte sie an einer Grossgruppenkonferenz herausfinden, was die Menschen von einer modernen Kirche erwarten. Das Interesse ist gross.

Lädt die Menschen zum Dialog ein: Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Luzern. (Bild: z.V.g).

Nicht an den Menschen vorbei, sondern mit den Menschen zusammen. Diesem Motto folgt die Reformierte Kirche des Kantons Luzern bei der Revision ihrer bald 20 Jahre alten Kirchenordnung. Dabei schraubt sie nicht etwa im stillen Kämmerlein an dem neuen kirchlichen Gesetz, sondern möchte möglichst viele verschiedene Stimmen einbeziehen.

Deshalb organisiert die Kirche am 27. Februar eine Grossgruppenkonferenz, die coronabedingt digital auf der Videoplattform Zoom stattfindet. Mittlerweile haben sich über 200 Personen angemeldet. «Wir sind von der Resonanz beeindruckt», sagt Michi Zimmermann, Leiter Kommunikation der Luzerner Landeskirche. Ein Blick auf die Teilnehmerliste zeigt, dass die Idee unterschiedlichste Menschen anspricht. So treffen sich Ende Februar Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche, Politik, Kultur, Wirtschaft, Verwaltung, Gesundheitswesen, Sport, Bildung und Partnerorganisationen der Kirche.

Mit dabei sein wird auch die neue Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), Rita Famos. «Ich finde es eine hervorragende Idee, die Arbeit an der Kirchenordnung mit dem Einbezug der Bevölkerung zu beginnen», sagt Famos. Synodalrat und Synode würden die Stimmen der Basis hören und gleichzeitig kämen die Mitglieder miteinander darüber ins Gespräch, was sie an ihrer Kirche schätzen. «Ich glaube, mit diesem Ansatz wird kommuniziert: Kirche ist für die Menschen da und nicht umgekehrt», sagt Famos. 

Pink Cross und Katholiken dabei

Auch Michel Rudin, Co-Präsident der Schweizerischen Schwulenorganisation Pink Cross und Mitglied der Reformierten Kirche, hat sich für die Konferenz angemeldet. «Ich möchte gesellschaftspolitische Themen einbringen, bei denen es zum Beispiel um Diversität und LGBTQI geht», sagt Rudin. Dass sich eine Kirche bei der Ausrichtung für die Zukunft öffnet, gefällt ihm. «Die Kirche ist ein guter Ort, um beispielsweise über Werte zu diskutieren.» Und nicht zuletzt könne sie als Schutzort für Minderheiten ein Vorbild für andere Organisationen sein.

Auf Interesse stösst die Konferenz auch auf katholischer Seite. So wird Nicola Neider, Bereichsleiterin Migration und Integration der Katholische Kirche Stadt Luzern, dabei sein. «Die Kirche wird oft als ‹Wanderndes Gottesvolk› bezeichnet. Deswegen ist es aus meiner Sicht sehr konsequent, so viele Menschen wie möglich in die Ausarbeitung der neuen Kirchenordnung einzubeziehen», sagt Neider. Die Kirchenordnung sei für sie eine Art Selbstvergewisserung, wo sich die Kirche – also das wandernde Gottesvolk – sieht, wo sie hinmöchte, welche Wege sie einzuschlagen gedenkt. «Entscheidend ist für mich dabei, dass die Stimmen der Mitwirkenden nicht nur gehört, sondern auch wirklich berücksichtigt werden, wenn es um Entscheidungen geht.»

Vor dem Computer sitzen und mitdiskutieren wird auch Ylfete Fanaj, Luzerner Kantonalratspräsidentin. «Mit dem partizipativen Weg zeigt die Kirche, dass der gemeinsame Weg und der Austausch wichtige Werte sind und dass jede und jeder die Kirche mitgestalten kann», sagt sie. Das schaffe Vertrauen und bringe die Kirche zu den Menschen. «Die Kirche verbindet Menschen unterschiedlichster Hintergründe und Prägungen. Sie ist so ein offener Ort, an dem alle willkommen sind.»

Kirche in Krisenzeiten gefragt

Dass der partizipative Weg so grossen Anklang findet, darüber freut sich Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Luzern. «Wir haben offenbar einen Nerv getroffen.» Gerade die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass die Kirche in Krisenzeiten für die Menschen da sein kann. «Die Kirche nimmt viele gesellschaftliche Aufgaben wahr. Zum Beispiel im Bereich der Seelsorge, der Bildung, der Solidarität und des Schutzes der Schwächsten im Inland sowie Ausland», sagt Bachmann. Sie ergänze dabei die staatlichen und wirtschaftlichen Leistungen des Zusammenlebens. Das sei offenbar vielen bewusst geworden. Entsprechend wolle man die Zukunft der Kirche aktiv mitgestalten.

Eine 16-köpfige Spurgruppe erarbeitete im Vorfeld Themen, die an der Konferenz behandelt werden sollen. Im Zentrum stehen Fragen wie: Wie wollen wir Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Todesfall heute und in Zukunft gestalten? Welche alternativen Formen des kirchlichen Zusammenlebens gibt es auch unter Berücksichtigung von Corona? Wo soll Kirche gesellschaftlich vermehrt hinschauen?

Die Fragen werden die Teilnehmenden in 6er-Gruppen diskutieren. Auch eigene Vorschläge können eingebracht werden. Jede Gruppe legt sich nach der dritten Diskussionsrunde auf zwei Themen fest. Diese werden vor dem Mittag zusammengefasst und die Grossgruppe priorisiert die wichtigsten sechs bis zehn, die am Nachmittag vertieft diskutiert werden. «So kristallisieren sich die Kernthemen heraus», sagt Bachmann.

Werte im Fokus

Nach der Konferenz beginne die Redaktionsphase des Entwurfs der künftigen Kirchenordnung, bei der unterschiedliche kircheninterne Gremien mitwirken. Der ausgearbeitete Gesetzesentwurf durchlaufe dann den ordentlichen politischen Prozess im Synodalrat (Exekutive), in der Vernehmlassung und schliesslich in der Synode (Parlament).

«Ich bin sehr gespannt, welche Themen den Menschen unter den Nägeln brennen», sagt Bachmann. Danach gefragt, was für sie selbst eine moderne Kirchenordnung bedeutet, sagt sie: «Modern heisst, dass sie den Grundwerten und Kernaufgaben unserer Kirche entspricht.» Dazu gehörten unter anderem: Solidarität, Frieden, Menschenrechte oder Chancengleichheit. «Ich wünsche mir eine Kirche, die verbindet und Halt gibt. Ich hoffe, dass die neue Kirchenordnung dazu beiträgt», sagt Bachmann.

Hinweis: Anmeldungen für die Konferenz sind auf www.reflu.ch/dialog noch bis zum 22. Februar möglich.