Lampedusa: Zehn Jahre nach dem ersten grossen Bootsunglück
Seine erste Reise im Amt führte Papst Franziskus am 8. Juli 2013 nach Lampedusa. In der ersten Hälfte jenes Jahres waren nach offiziellen Angaben 3'648 Menschen über das Mittelmeer auf die kleine italienische Insel gelangt. Es war ein enormer Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Der Papst sagte bei seinem Besuch: «Wir haben uns an das Leiden der anderen gewöhnt.» Die Globalisierung der Gleichgültigkeit habe den Menschen in Europa die Fähigkeit zu weinen genommen.
Nur knapp drei Monate später, am 3. Oktober 2013, wurde das Leid für alle sichtbar. Bei einem Bootsunglück vor der Insel starben mehr als 360 Menschen. Ihr Boot hatte Feuer gefangen und war gekentert. Bilder der aufgereihten Särge wurden in die ganze Welt verbreitet. Niemand konnte mehr wegschauen.
Lampedusa, die kleine Insel südlich von Sizilien, wurde zum Sinnbild für die Unfähigkeit Europas, eine gemeinsame Lösung im Umgang mit Migrantinnen und Migranten zu finden. Sie ist etwa 130 Kilometer entfernt von der tunesischen Küste und gilt daher für viele Flüchtende als «das Tor nach Europa».
Hilfsorganisationen gebildet
Als erste Reaktion auf das Unglück leitete die italienische Regierung die Operation «Mare Nostrum» in die Wege: Schiffe von Marine und Küstenwache retteten Menschen zwischen Italien und Nordafrika. Die europäische Mission «Triton» löste sie 2014 ab – doch nun ging es nicht mehr um die Rettung von Migrantinnen und Migranten, sondern um die Überwachung der Grenzen und die Verfolgung von Schleppern.
Im April 2015 starben bei zwei weiteren Unglücken mehr als 1000 Menschen. Die Europäische Union war zu jener Zeit blockiert im Umgang Migration und Asyl - auch innerhalb der Staatengemeinschaft. Als Reaktion darauf bildeten sich Nichtregierungsorganisationen, die im Mittelmeer Menschen in Seenot halfen.
Mehr Einfluss von rechten Parteien
Die steigenden Flüchtlingszahlen verhalfen den rechtspopulistischen Parteien zu mehr Zuspruch. Bei den italienischen Parlamentswahlen etwa holte die rechte Lega von Matteo Salvini 12,5 Prozent mehr Wählerstimmen als noch im Jahr 2013. Sie bildete anschliessend mit der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung eine Regierung. Salvini wurde Innenminister und ist heute bekannt für sein hartes Vorgehen gegen die privaten Seenotretter. Auf der Grundlage zahlreicher Dekrete können deren Schiffe wochenlang in italienischen Häfen festgesetzt werden. Helferinnen und Helfer werden kriminalisiert.
In der europäischen Asylpolitik ist in den zehn vergangenen Jahren wenig passiert. Die meisten Mitgliedstaaten halten trotz zahlreicher Debatten an der Dublin-II-Verordnung von 2003 fest: Für einen Asylbewerber ist jenes Land zuständig, über das er in die EU eingereist ist.
Für die privaten Seenotretter gibt es einen Lichtblick: Erstmals bekommen sie Geld aus Deutschland. Trotz Kritik der deutschen Opposition und der rechtspopulistischen Regierung Italiens hat der deutsche Bundestag jährliche Zahlungen von je zwei Millionen Euro zugesagt – für den Zeitraum von 2023 bis 2026.