Kontroverses Positionspapier zu assistiertem Suizid

Mit seinem Positionspapier «Solidarität bis zum Ende» hat der Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn einen Leitfaden zum Thema assistierter Suizid herausgegeben. Doch die Position ist bei Pfarrerinnen und Pfarrern umstritten.

Soll beim Thema assistierter Suizid Orientierung geben: Das Positionspapier des Synodalrats der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. (Bild: zvg)

Der Umgang mit dem Thema assistierter Suizid ist in der reformierten Kirche ein Dauerbrenner. Michael Graf, ehemaliger Präsident des Berner Pfarrvereins, mischt sich nun mit einer Publikation in die Debatte ein. Konkret kritisiert der Pfarrer das Positionspapier, das der Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn im Juni 2018 unter dem Titel «Solidarität bis zum Ende» zum Thema assistierter Suizid herausgegeben hat. «Dieses Papier stellt den bisherigen Grundsatz in Frage, wonach die Begleitung bei einer Selbsttötung nicht zur Tätigkeit der Pfarrerin gehört, sie aber aus seelsorgerlichen Gründen Ausnahmen machen kann», sagt Graf auf Anfrage des Magazins bref.

Die Stelle, auf die sich Graf bezieht, heisst im Berner Papier folgendermassen: «Für die Seelsorge gilt das Prinzip der bedingungslosen Solidarität. Es geht bei ihr um die orientierende und unterstützende Begleitung von Menschen, selbst dann, wenn man als Pfarrerin oder Pfarrer mit der von ihnen gefällten Entscheidung nicht einverstanden ist.» Weiter heisst es: «Pfarrerinnen und Pfarrer sollen Menschen, die sie begleiten, auch im schwierigsten Moment, dem Akt der Selbsttötung, Beistand leisten, wenn diese es wünschen.»

Für Graf sei das angebliche «Prinzip der bedingungslosen Solidarität» theologisch-ethisch nicht haltbar. «Die Verfasser der Position leiten die Verpflichtung zur Begleitung von einem einzigen Kriterium ab, dem Bedürfnis des Sterbewilligen. Sie postulieren, dass diesem Bedürfnis stets Folge zu leisten sei», schreibt er. Damit werde die Verantwortung der Pfarrerin in Frage gestellt.

Kein «Befehl der Gläubigen»

Dass die «bedingungslose Solidarität» als «Befehl der Gläubigen» verstanden werden soll, dem widerspricht Matthias Zeindler, Leiter Bereich Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-­Solothurn. «Bedingungslose Solidarität bedeutet, die seelsorgerliche Begleitung nicht von der Gesinnung einer Person abhängig zu machen», sagt Zeindler. «Früher endete die seelsorgerliche Begleitung bei einem assistierten Suizid grundsätzlich vor der Türe des Sterbezimmers. Zahlreiche Rückmeldungen zeigen uns, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger die Position des Synodalrates als befreiend empfinden.»

Wichtig ist Zeindler auch, dass die Verbindlichkeit des Papiers richtig eingeschätzt wird. «Die Kirchenleitung will und kann den Pfarrerinnen und Pfarrern die verantwortliche Gewissensentscheidung nicht abnehmen.»

Tagung zum Thema organisiert

Neben Kritik erhält das Positionspapier der Berner auch Lob. So schreibt der Berner Theologe Dominik von Allmen auf dem Zürcher Landeskirchen-Blog Diesseits von einem «gelungenen Balanceakt». Gerade weil das Papier umstritten ist, hat der Berner Pfarrverein am 4. März eine Tagung zum Thema «Solidarität bis zum Ende?» organisiert. Dort soll auch die Frage diskutiert werden, wie das Berner Positionspapier zustande kam und ob es theologisch vertretbar ist.

Dieser Beitrag erschien erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.