«Kirchliche Seelsorge leistet grundsätzlich bis zum assistierten Tod Beistand»

Der Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn hat ein Positionspapier verabschiedet, wie die Seelsorge mit dem Thema assistierter Suizid umgehen soll. Im Interview erklärt Synodalrätin Claudia Hubacher was das für die Pfarrerinnen und Pfarrer bedeutet und nimmt Stellung zu Kritik.

Auch beim assistierten Suizid soll ein Seelsorger im Zimmer sein. (Bild: Keystone)

Frau Hubacher, der Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn hat ein Positionspapier zum Umgang mit assistiertem Suizid erarbeitet und verabschiedet. Warum?

Der Auslöser für das Papier zu pastoralen Fragen rund um den assistierten Suizid war ursprünglich die Bitte eines Pfarrkollegiums aus unserem Kirchengebiet um Hilfestellung, wie mit Seelsorgeanfragen in diesem Kontext umzugehen sei. Es geht aber dabei – und das ist wichtig – nicht um den Umgang mit dem assistierten Suizid, wie in Ihrer Frage genannt, sondern um die Seelsorge bei diesem.

Welche Rückmeldungen haben Sie bist jetzt auf das Papier erhalten?

Es kamen, wie zu erwarten war, unterschiedliche Reaktionen. Aus Kreisen von Spezialseelsorgenden erhielten wir viel Zustimmung und auch Dank für die klare Position. Es gab auch ablehnende Rückmeldungen von Pfarrpersonen, welche diesen Dienst nicht werden leisten wollen oder können.

Im Papier steht unter anderem geschrieben: «Für die Seelsorge gilt das Prinzip der bedingungslosen Solidarität.» Was meinen Sie mit bedingungslos?

Wenn Menschen Bedingungen erfüllen müssen, um Seelsorge zu erhalten, ist die Solidarität nicht umfassend. Der Dienst der Seelsorge richtet sich gemäss unserer Kirchenordnung bedingungslos an alle Menschen, egal welchen Lebenshintergrund sie haben. Hier kommt die offene Volkskirchlichkeit unserer reformierten Landeskirche zum Tragen.

Wie soll ein Pfarrer oder eine Pfarrerin das verstehen beziehungsweise umsetzen?

Im Positionspapier ist klar ausgesagt, dass kirchliche Seelsorge grundsätzlich bis zum Tod Beistand leistet. Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer kann aber in aller Freiheit selbst entscheiden, ob sie oder er diesen Dienst ausführen will und kann – oder eben nicht. Niemand ist gegen sein Gewissen dazu verpflichtet.

Falls ein Pfarrer keine Begleitung machen möchte, soll sie von jemandem im Bereich Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn übernommen werden. Wer wird das sein?

In diesem Fall ist es möglich, selbst für eine andere Person zu sorgen, welche diesen Dienst übernehmen kann. Eine betroffene Pfarrperson kann aber diese Vertretungssuche auch dem Bereich Theologie übertragen. Hier wird dann für eine Stellvertretung gesorgt.

Also fragen Sie einen anderen Pfarrer, eine andere Pfarrerin?

Der Bereich Theologie ist gut vernetzt. Wenn es darum geht, jemanden für diesen Dienst zu finden, kann er auf dieses Netz zurückgreifen.

Ein Pfarrer kritisierte auf dem Webportal «Livenet» unter anderem, dass das Papier ohne demokratische Mitwirkung der Pfarrerschaft entstanden sei.

Ich verstehe diese Kritik, aber sie geht von einer anderen Zielsetzung aus. Das Papier hat einen langen Weg gemacht. Auf die anfangs erwähnte Anfrage hin hat sich der Arbeitskreis Theologie bestehend aus internen Mitarbeitenden und externen Pfarrerinnen und Pfarrern mit dem Thema auseinandergesetzt. Daraus entstand das Buch «Assistierter Suizid und kirchliches Handeln.» Aufgrund dieser Studie hat der Synodalrat seine Position erarbeitet.

Würde solch ein Papier durch eine breit angelegte Befragung unter der Pfarrschaft nicht eine grössere Akzeptanz erfahren?

Da es eine Position der Kirchenleitung ist und nicht der Kirche, wurde auf eine breit angelegte Vernehmlassung verzichtet. Die Absicht war nicht, als Ergebnis ein Kompromisspapier zu verabschieden. Der Synodalrat begründet mit dem Papier eine sorgfältig theologisch reflektierte Haltung. Niemand ist verpflichtet, diese Haltung zu übernehmen. Vielmehr sind alle eingeladen, sich damit auseinanderzusetzen. Die persönliche Entscheidung wird damit niemandem abgenommen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Zum Positionspapier «Solidarität bis zum Ende»