Klimagipfel: Jetzt muss die Schweizer Politik dranbleiben

Am Klimagipfel in Paris beschlossen die Staaten, den weltweiten Ausstoss von Treibhausgasen so stark zu senken, dass die Erderwärmung nicht mehr als 1,5 Grad beträgt. Kurt Zaugg-Ott, Leiter der Fachstelle «oeku Kirche und Umwelt», weilte als Beobachter vor Ort.

«Es muss 1,5 Grad sein»: Eine Eisbärengruppe demonstrierte an der Klimakonferenz in Paris. (Bild: Kurt Zaugg-Ott/oeku Bern)

Herr Zaugg, was ist ihr Fazit zu den Klima-Verhandlungen in Paris?
Ich bin positiv überrascht, dass sich alle Staaten darauf einigten, die Erderwärmung auf 1,5 Grad als wünschbares Ziel festzulegen. Ebenfalls überrascht hat es mich, dass die Schweiz in der Koalition der Ambitionierten mitmachte. Nun bin ich gespannt, wie Bundesrätin Doris Leuthard dies der Schweizer Politik schmackhaft macht. Das Parlament war bisher zurückhaltend mit den CO2-Zielen.

 

Die Schweiz galt einmal als Musterschülerin in Sachen Ökologie. In Paris wurde sie kritisiert.
Die Ziele, die sich der Bundesrat setzte, bewegten sich im europäischen Durchschnitt. Man glaubte, es reicht, den EU-Durchschnitt etwa zwischen Polen und Norwegen als Ziel zu nehmen. Doch die Schweiz ist ein reiches Land mit vielen Möglichkeiten und könnte sehr wohl ambitionierter sein.

 

Was erwarten Sie jetzt vom Bundesrat?
Das bestehende CO2-Gesetz ist noch bis 2020 in Kraft. Wenn man die höheren Anforderungen, die man in Paris mitunterzeichnet hat, ernst nimmt, kann man im Einklang mit diesem Gesetz die Vorgabe für die Reduktion des CO2-Ausstosses schon jetzt von 20 auf 40 Prozent erhöhen.

 

Wie können diese Ziele konkret erreicht werden?
In der Schweiz ist die CO2-Abgabe auf Brennstoffe beschränkt. Den Ausstoss der Treibstoffe versuchte man bisher über Abgasvorschriften und den CO2-Ausstoss der Wagenflotte zu regeln. Das hat wenig gebracht. Denn der Verkehr und damit der CO2-Ausstoss nahmen stetig zu. Er ist inzwischen für über 30 Prozent der CO2-Emissionen der Schweiz verantwortlich. Mit den Massnahmen bei den Gebäuden hingegen konnte man die Treibhausgase um über zehn Prozent senken. Wir werden uns dafür einsetzen, dass das neue CO2-Gesetz ab 2020 eine Lenkungsabgabe auf Treibstoff vorsieht.

 

Anstatt solcher Lenkungsabgaben gibt es andere Möglichkeiten. Wald zum Beispiel neutralisiert CO2.
Das stimmt, und die Schweiz war hier sehr fleissig. Um bis 2012 die Klimaziele von Kyoto zu erfüllen, hat man die ganzen Wälder in die Bilanz mit eingerechnet und im Ausland Umweltzertifikate gekauft. Anders hätte die Schweiz die verlangten Werte nicht erreichen können. Die Schweiz stiess 2012 gleich viel CO2 aus wie 1990. Jetzt strebt der Bundesrat bis 2030 eine Reduktion der schädlichen Gase um 50 Prozent an. Aber nur 30 Prozent davon will er im Inland erreichen. Es ist wichtig, dass man im Ausland investiert und anderen Staaten hilft, ihre Klimaziele zu erreichen. Die oeku findet jedoch, dass dies nicht den Inlandmassnahmen angerechnet werden darf. Wir sollten die Halbierung des CO2-Ausstosses in der Schweiz anstreben.

 

Die oeku schreibt der Schweiz eine Schlüsselrolle beim Klimaschutz zu. Überschätzen Sie die Schweiz nicht?
Die Schweiz ist ein reiches Land mit einer innovativen Wirtschaft. Die Cleantech-Branche blüht, das Paul Scherrer Institut und die ETH forschen an neuen Technologien, etwa zum Speichern von Strom. Heute beträgt der Anteil von Wasserkraft an der Stromproduktion bei uns rund 56 Prozent. In der Schweiz herrschen ideale Voraussetzungen für eine CO2-freie Versorgung mit Energie.

 

Die Schweizer Kirchen appellierten im Vorfeld der Konferenz in Paris an den Bundesrat, sich für das Klima einzusetzen. Was tun die Kirchen für den Klimaschutz?
Die oeku empfiehlt den Kirchgemeinden und Pfarreien ein Umweltmanagement. Im Herbst konnten wir die ersten Gemeinden mit dem «Grünen Güggel» auszeichnen. Dieses Label für Umweltmanagement ist in Deutschland schon sehr verbreitet. Es bedeutet, dass eine Kirchgemeinde sich Ziele setzt, zum Beispiel im Energiebereich oder bei der Biodiversität. Die reformierte Kirchgemeinde Bülach zum Beispiel beschloss schon 2006, ihren CO2-Ausstoss entscheidend zu senken. Nach und nach haben sie ihre Öl-Heizungen durch erneuerbare Energien ersetzt.

 

Sind Sie zufrieden mit den Anstrengungen der Kirchgemeinden?
Wir haben gute Pioniere. Doch um den Zielen, die wir in der Schweiz und weltweit fordern, näher zu kommen, müssen wir noch mehr Kirchgemeinden verbindlicher einbeziehen.

 

Wie wollen Sie das schaffen?
Wir versuchen, unsere Aktivitäten noch breiter bekannt zu machen, damit mehr Kirchgemeinden mitmachen. Wir beteiligen uns zudem, ebenso wie Brot für alle, Fastenopfer und Heks, an der Klima-Allianz Schweiz. Wir hoffen, die Kirchen unterstützen das weiterhin.

 

Die Medien bejubelten das Abkommen von Paris als historisch. Wie sehen Sie das?
Ob es historisch ist, wissen wir erst in zehn bis zwanzig Jahren. Doch nach den Streitereien an der letzten Klimakonferenz in Kopenhagen ist erstaunlich, was dieses Mal möglich war. Ich hatte den Eindruck, dass sich alle Staaten bewegt haben. Geholfen hat sicher auch, dass die Nichtregierungsorganisationen überall Druck machen. Auch die Enzyklika des Papstes «Laudato Si» hat dazu beigetragen, die Umweltprobleme ins Bewusstsein zu rücken. Dennoch bin ich skeptisch, ob das Schweizer Parlament diesen Aufbruch unterstützt. Alle Delegationen und Nichtregierungsorganisationen, die in Paris waren, müssen in ihren Ländern Druck auf die Politik ausüben. Es liegt an nun an den einzelnen Staaten mit ihren Akteuren und an jedem von uns, das umzusetzen, was in Paris beschlossen wurde.

 

 
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Interview: Karin Müller/kirchenbote-online.ch