Porträt

Er lässt den Kirchenchor Bach rappen

In seiner freien Zeit hört er gern spanischen und italienischen Pop, beruflich leitet er den Chor der Neuhauser Kantorei. Igor Marinkovic nimmt seinen Sängerinnen und Sängern die Ehrfurcht vor den Klassikern – mit ungewöhnlichen Mitteln.

Igor Marinkovic leitet einen der traditionsreichsten Kirchenchöre der Schweiz. (Bild: ZVg)

Zum Gespräch im Café in der Zürcher Altstadt erscheint Igor Marinkovic mit eingegipstem Bein. Der Musiker ist frisch operiert worden, nun muss er bei Konzerten und in den Proben sitzend dirigieren. Marinkovic leitet seit wenigen Monaten die Neuhauser Kantorei, mit rund 80 Sängerinnen und Sängern einer der grössten Kirchenchöre in der Schweiz. «Das macht unglaublich Spass, weil ich bisher viel kleinere Chöre gewohnt war», sagt er.

Als Chorleiter stellt der 33-Jährige das Repertoire für die Konzerte zusammen, wählt gemeinsam mit den Pfarrpersonen die Musik für die Gottesdienste aus und hilft bei Organisatorischem. Vor allem aber arbeitet er zusammen mit den Sängerinnen und Sängern an der Gesangstechnik. Eine der Herausforderungen sei, dass der Chor immer parallel an mehreren Stücken arbeite. «Als Kantor muss ich schauen, dass sich die Sänger dabei wohlfühlen und nicht überfordert werden», sagt Marinkovic.

Im Gespräch macht der gebürtige Serbe, der seit knapp zehn Jahren in der Schweiz lebt, einen sachlichen und zurückhaltenden Eindruck. Das widerspricht eigentlich dem, wofür Marinkovic als Musiker steht. Als Chorleiter versuche er, die Distanz zu den alten klassischen Werken aufzuheben, sagt er. «Vor Bach zum Beispiel haben viele Chorsängerinnen grosse Ehrfurcht. Ich erkläre ihnen dann, dass er eigentlich die Popmusik seiner Zeit geschrieben hat.» In den Proben kann es deshalb vorkommen, dass die Sänger Teile von Bach rappen oder swingen müssen. «Damit bringe ich die Leute davon ab, starr ab Note zu singen, sondern die Musik zu spüren. Denn darum geht es.»

Lust am Experiment

Zur Person

Igor Marinkovic (33) leitet seit Februar 2022 die Neuhauser Kantorei, den Chor der reformierten Kirche Neuhausen im Kanton Schaffhausen. Im August übernimmt er zudem die Leitung der Kantorei Zürcher Oberland. Zuvor war er mehrere Jahre Dirigent in der Serbisch-Orthodoxen Kirche in Zürich. Igor Marinkovic lebt mit seinem Partner in Zürich. (no)

Dieses Gespür für die Musik hat Marinkovic seit seiner Kindheit. Aufgewachsen ist er in einer kleineren Stadt gut 100 Kilometer südlich von Belgrad. «Schon als kleiner Junge habe ich immer gesungen, beim Aufstehen oder wenn ich die Treppe hinunter nach draussen ging», erinnert er sich. Noch in der Primarschule lernte er Akkordeon und Klavier und hatte Unterricht bei einer Gehörbildungslehrerin. Später nahm er Gesangunterricht und besuchte das Musikgymnasium in Belgrad. «Trotzdem war mir lange nicht klar, ob ich die Musik als Beruf ausüben sollte. Ich hatte Bedenken, ob ich das schaffen würde», sagt Marinkovic.

Youtube-Videos des amerikanischen Tenors Scot Weir, der an der Zürcher Hochschule der Künste lehrt, führten ihn schliesslich in der Schweiz. Hier studierte er Gesang und schloss zudem den Masterstudiengang Chorleitung und Kirchenmusik ab. Seine damaligen Lehrer drängten ihn dann auch, in diesem Bereich zu arbeiten. «Heute muss ich sagen, dass Chorleiter die richtige Wahl für mich war», sagt Marinkovic.

Mittlerweile hat er schon mehrere Jahre Erfahrung in verschiedenen Kirchenchören. An der reformierten Kirche findet er gut, dass die Rolle der Musik in der Liturgie nicht so starr vorgegeben ist wie in der orthodoxen Kirche. «Mir gefällt, dass man hier Neues ausprobieren kann. Dass man zum Beispiel alte mit zeitgenössischer Musik verbinden oder eine Strophe eines Chorals auch mal improvisatorisch singen kann», sagt Marinkovic.

Ein imperfektes Moment

Es ist diese Offenheit, die ihn als Musiker selbst auszeichnet. In seiner freien Zeit hört Marinkovic gerne spanischen Pop oder portugiesischen Fado, als Gymnasiast begeisterte er sich für härtere Klänge wie Whitesnake und Metallica. Ein klassischer Musiker dürfe sich nicht auf das eigene Genre beschränken, ist Marinkovic überzeugt. «Oft ist es so, dass ich neue Ideen in anderen Stilrichtungen finde.»

Seit drei Jahren dirigiert er deshalb zudem die «Daffodils», einen St. Galler Chor, der vorwiegend Pop- und Jazzlieder singt. Fragt man Marinkovic nach den Auftritten, die ihn am meisten begeisterten, nennt er zuerst ein Konzert der «Daffodils». Nach Aufhebung der Corona-Massnahmen trat der Chor erstmals wieder in der vollbesetzten katholischen Kirche in Eschenbach auf. Die Stimmung sei einmalig gewesen, erinnert sich Marinkovic. «Vor mir strahlte mein Chor und in meinem Rücken spürte ich die Energie des Publikums.»

Diese Energie hervorzurufen, das sei seine Aufgabe als Kantor, sagt Marinkovic. Dabei gehe es gar nicht darum, dass die Intonation immer zu hundert Prozent perfekt sei. «Perfektion ist langweilig, wie Computermusik». Auch kämen die Leute nicht ins Konzert, um die absolut vollkommenen Klänge zu hören, sondern um sich von der Musik begeistern zu lassen. «Für mich ist Musik vielmehr so etwas wie ein imperfektes Moment, das perfekt klingt», sagt Marinkovic.

Kirchenchören fehlt der Nachwuchs

Diese Botschaft versucht der neue Kantor auch seinen Sängerinnen und Sängern zu vermitteln. Welche Freude ihm das macht, merkt man ihm beim Erzählen an. Umso bedauerlicher findet Marinkovic, dass die Kirchenchöre in der Schweiz immer kleiner und älter werden. Nachwuchs zu finden sei schwierig geworden, auch fehle es in den Kirchgemeinden teilweise an digitalem Knowhow. Als Vertreter der jüngeren Generation hilft Marinkovic in der Kantorei deshalb auch dabei, die modernen Kommunikationsmittel besser zu nutzen. «Kantor ist heute ein sehr vielseitiger Beruf», sagt er.