Kanton Zug lässt «fürsorgerische Zwangsmassnahmen» aufarbeiten

Der Kanton lässt Gewalt und Missbrauch in der Fürsorge historisch aufarbeiten. Die Kirchen unterstützen ihn dabei.


Seit Jahren ist bekannt, dass im Kanton Zug zahlreichen Personen Unrecht geschehen ist, die von sogenannten «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» bis 1980 betroffen waren. Sie wurden Opfer von Fremdplatzierungen, Zwangsadoptionen, -abtreibungen und -sterilisationen und litten unter physischer und psychischer Gewalt. Ein umfassendes Bild der damaligen Geschehnisse fehlt jedoch. Es bestehe eine grosse Forschungslücke, teilte der Kanton am 26. November mit.

Aufklären statt anprangern

Dieses wichtige Kapitel der Zuger Sozialgeschichte im Zeitraum von 1850 bis 1980 soll nun durch die Beratungsstelle für Landesgeschichte aufgearbeitet werden. Untersucht werden nicht nur die Missstände. Auch die Situation des Personals in den Kinder- und Jugendheimen werde betrachtet. Dieses sei von den Behörden häufig allein gelassen worden und überfordert gewesen.

Erforscht werden nicht nur einzelne Fälle, sondern auch die Strukturen, Werte und Normen, nach denen damals gehandelt wurde. Dies erlaube es, die Geschehnisse in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu stellen, wie es in der Mitteilung heisst. Es gehe nicht darum, anzuprangern. Sondern darum, zu verstehen und aufzuklären. «Wir als Gesellschaft sind den Opfern und ihren Angehörigen eine Aufarbeitung schuldig», wird Staatsarchivar Ignaz Civelli zitiert.

20’000 Franken von den Reformierten

Die Forschungsarbeit stützt sich auf Archivquellen sowie auf Interviews mit Beteiligten und Betroffenen und umfasst alle Zuger Gemeinden. Der Bericht mit den Resultaten wird voraussichtlich bis Ende 2021 vorliegen.

Der Zuger Regierungsrat hat für die historische Aufarbeitung im Sommer 400’000 Franken aus dem Lotteriefonds gesprochen. Einige Gemeinden haben ebenfalls Beiträge zugesagt. Die Reformierte Kirche Kanton Zug beteiligt sich laut Kantonsrat mit 20’000 Franken. Auch die Vereinigung der Katholischen Kirchgemeinden des Kantons werden das Projekt unterstützen. Die Guido Fluri Stiftung stellt 100’000 Franken zur Verfügung. Weitere Gespräche laufen, um den Finanzbedarf von insgesamt 950’000 Franken zu decken. (sda/pd)