Archäologie

Kalender oder «heilige Botschaft» – die rätselhafte Bronzescheibe von Nebra

Vor 25 Jahren ist die Himmelsscheibe von Nebra gefunden worden – der bedeutendste archäologische Fund des 20. Jahrhunderts. Mit rund 4000 Jahren ist sie die wohl älteste bekannte Darstellung des Himmels. Ihre Geschichte ist aber auch ein Krimi.

Kurz nachdem die Polizei in einer Undercover-Aktion in Basel das Artefakt von Hehlern beschlagnahmt hatte, präsentierte der Restaurator Heiko Breuer die Himmelsscheibe von Nebra der Öffentlichkeit. Das rund 4000 Jahre alte Objekt wurde 1999 in Ostdeutschland gefunden. (Eckehard Schulz/ Keystone)

Die Aktion war gleichzeitig illegal und eine weltweite Sensation: Vor 25 Jahren waren zwei Männer mit Metalldetektoren auf dem Mittelberg bei Nebra im südlichen Sachsen-Anhalt unterwegs. Nahe dem Gipfel spürten die Raubgräber mehrere Gegenstände aus Bronze auf und buddelten sie aus. Darunter befand sich der wohl grösste archäologische Fund des 20. Jahrhunderts: die Himmelsscheibe von Nebra.

Die Scheibe zeigt die wahrscheinlich weltweit älteste Darstellung astronomischer Phänomene: die Sonne, oder je nach Deutung den Vollmond, eine Mondsichel sowie 32 goldene Sterne. Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle schätzt das Alter auf rund 3700 bis 4100 Jahre. Das entspricht der frühen Bronzezeit. Sie gibt tiefe Einblicke in das astronomische Wissen von damals. Die Himmelsscheibe gehört zum Unesco-Dokumentenerbe «Memory of the world».

In ihr vereinen sich Wissen und Mystik: Auf der Scheibe erscheint ein Schiff in nächtlicher Fahrt über den «Himmelsozean». Nach Angaben des Landesmuseums für Vorgeschichte ist das Schiff hier erstmals in Europa als zentrales mythisches Symbol überliefert.

Hinweis auf Glaubenssystem

Wissenschaftler haben das Objekt verschieden interpretiert. Die einen sehen es als Kalender, der Sommer- und Wintersonnwende sowie Frühlings- und Herbstbeginn bestimmbar macht.

Die anderen erkennen darin den Nachweis für ein komplexes Glaubenssystem, das in ganz Europa verbreitet gewesen sei. Dessen zentrale Elemente seien darauf zusammengefasst: Sonne, Horizont, Mond, Sterne und das Sonnenschiff, das tagsüber den Himmel und nachts die Unterwelt durchquert. Folglich könne die Scheibe eine «heilige Botschaft» darstellen.

In einem Interview sagte Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, die Gesellschaft der Menschen in Nebra habe in einem Staat gelebt, und: «Die Himmelsscheibe beweist, dass es Elitewissen gab.» Der Herrscher dieses Staats habe die Bewegungen der Gestirne und des Mondes gekannt und er sei ein «Vertrauter der Sonne» gewesen. Das habe seine Macht legitimiert.

Polizeieinsatz in Basel

Dabei wäre der Sensationsfund der Wissenschaft um ein Haar verloren gegangen: Die Himmelsscheibe ging jahrelang von Hehler zu Hehler und wurde mehrfach verkauft. Harald Meller erfuhr von einem Freund – ebenfalls Archäologe – von der Existenz der Scheibe. Diesem Freund war von einer dubiosen Person das Artefakt zum Kauf angeboten worden. Er hatte sogar Fotografien davon, die er Heller zeigte.

Bald prüften mehrere Experten die Bilder und allen war klar: Sie wollten das Objekt untersuchen. Heller fasste sich ein Herz: Er informierte die Polizei, bot sich als Lockvogel an und nahm inkognito mit dem Hehler Kontakt auf, der die Himmelsscheibe verkaufen wollte.

Monate später schnappte die Falle 2002 in Basel zu: Meller traf zwei Hehler in einer Hotelbar. Es handelte sich um eine Frau mittleren Alters und einen älteren Mann. Diese hatten die Himmelsscheibe in Plastikfolien verpackt unter dem Pullover versteckt nach Basel geschmuggelt. Vor Ort verhaftete sie die Polizei. Später wurden sowohl das Hehlerpärchen als auch die Raubgräber zu Geld- und Bewährungsstrafen verurteilt.

Die Himmelsscheibe ist heute eine Touristenattraktion: Nahe dem Fundort gibt es ein Besucherzentrum. Die Anlage ist architektonisch an die Darstellungen auf der Bronzescheibe angelehnt. Dort soll deren Geschichte erlebbar werden – ausgestellt ist das Stück vor Ort aber nicht. Es ist die Hauptattraktion des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle an der Saale. (epd/ dst)