Das Rätsel um den St. Galler Globus ist gelöst

Nach jahrelangen Streitigkeiten und komplizierten Forschungsarbeiten ist klar, woher der Erd- und Himmelsglobus des Klosters St. Gallen stammt: Der Globenbauer Tilemann Stella hat ihn in Norddeutschland hergestellt. Ein Pergament, das in einer Brockenstube verkauft worden ist, hat zu diesen neuen Erkenntnissen geführt.

Der Erd- und Himmelsglobus anlässlich einer Ausstellung 2006 in der Stiftsbibliothek St. Gallen. Das Original wurde nach der Schau zurück ins Landesmuseum gebracht, in St. Gallen ist heute eine Kopie zu sehen. (Bild: Keystone/Regina Kuehne)

Der St. Galler Globus, der im Landesmuseum in Zürich ausgestellt ist, gehört zu den bedeutendsten kulturhistorischen Objekten der Schweiz. Dies teilten das Schweizerische Nationalmuseum, die Stiftsbibliothek St. Gallen und die Zentralbibliothek Zürich am Donnerstag mit. Bisher wurde vermutet, dass der Globus aus Augsburg oder Konstanz stammt. 2016 tauchte aber ein Pergament auf, mit dem die Herkunft nun definitiv geklärt werden konnte.

Ein Koch hatte das wertvolle Dokument in einer Brockenstube in Olten gekauft. Über Umwege gelangte es in die Zentralbibliothek und gab den Anlass, die bereits laufende Forschung mit Stiftsbibliothek und Nationalmuseum zu intensivieren.

Die Spur führt nach Mecklenburg

Mit optischen und radiographischen Analysen am Globus stiessen Wissenschaftler auf drei übermalte Porträts von historischen Persönlichkeiten. Diese waren in den Stützstreben verborgen. Die Auswertung ergab, dass der Globus Ende des 16. Jahrhunderts am Mecklenburgischen Hof in Schwerin vom Globenbauer Tilemann Stella hergestellt worden sein muss.

Stella stand im Dienste des Herzogs Johann Albrechts I. zu Mecklenburg. Der Herzog verstarb 1576 nach einer kurzen Krankheit, weshalb eine Widmung auf dem damals fast fertigen Globus fehlt. Sein Sohn, Johann VII., liess sich rund 15 Jahre später auf dem Globus abbilden und erklärte sich damit zum Auftraggeber und Besitzer des Werkes. Die beiden anderen übermalten Porträts zeigen die Gelehrten Gerhard Mercator und David Chytraeus.

Damit sei ein grosses Rätsel der Globengeschichte gelöst, heisst es in der Mitteilung. Die wissenschaftliche Herleitung ist in der Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte erschienen.

Langwieriger Kulturgüterstreit

Um den St. Galler Globus herrschte zwischen St. Gallen und Zürich ein langwieriger Kulturgüterstreit. Zürcher Truppen hatten im Toggenburger Krieg von 1712 die gesamte Bibliothek und den Globus aus dem Kloster St. Gallen geraubt.

Die Beute wurde später zurückgegeben – ausser einem Teil der Handschriften und dem Globus. 1996 forderten der Kanton St. Gallen und die Katholische Kirche die Kulturgüter zurück. Zürich lehnte dies ab.

Es entbrannte ein Streit, der erst 2006 unter Vermittlung des Bundes beigelegt werden konnte. St. Gallen erhielt 40 aus der Kriegsbeute stammende Handschriften zurück. Zürich behielt den Original-Globus und liess für St. Gallen eine Kopie anfertigen, die 2009 übergeben wurde. (sda)